In diesem Beitrag möchte ich ein wenig auf den kreativen und kompositorischen Prozess hinter den Lyrischen Stücken, Opus 6 eingehen.

Vorab: Ich bin kein Freund von Programmhinweisen oder generell Programmen. Daher werde ich mich hier nur auf die Entstehung und einige technische Aspekte konzentrieren, um Transparenz zu schaffen und einen Einblick „hinter die Kulissen“ zu geben. Das romantische Bild des Künstlers, der, gen Himmel schauend, durch eine obere Entität die Feder geführt bekommt, ist zwar in der Vorstellung reizend, hat aber mit der Realität nichts zu tun. Ich werde hier auch keine Interpretationshinweise geben, was ich bei welchem Teil wie gefühlt oder mir vorgestellt habe. Musik muss für sich selbst sprechen. Muss ein Komponist sein Werk erst dem Publikum erklären, hat er versagt.


Überblick über die Einzelstücke:

  1. Im norwegischen Tal (Den Manen Edvard Griegs) (E-Dur)
  2. Intellektuellentum (Dänemark) (C-Dur)
  3. Wald-Legende (Finnland) (a-Moll)
  4. Das Lucia-Fest auf Gotland (Schweden) (D-Dur)

Chronologisch gesehen ist das erste Stück der Reihe das zweite: „Intellektuellentum“ in C-Dur.

Es ist im September 2022 als eine intellektuelle Aufgabe entstanden. Ich habe mich selbst herausgefordert, ein Stück ausschließlich im Kopf und mit der Hand zu schreiben. Ein ähnliches Vorgehen hatte ich bereits 2021 getestet, auch wenn die Stücke damals nicht zu gut wurden. Vor diesem Hintergrund lässt sich auch der Titel erklären. Ursprünglich sollte das Stück die erste Nummer aus einer Reihe von fünf Präludien („Opus 24“) werden, die nach den ersten 16 Takten des dritten Stücks abbrechen und nicht mehr fortgeführt wurden. Vielleicht setze ich mich mal wieder an das Werk.

Durch meine besondere Liebe zu Skandinavien und den nordischen Ländern war zudem mein Wunsch geweckt worden, eine „nordische Suite“ im Stil der lyrischen Stücke von Edvard Grieg zu schreiben.

Das Stück „Intellektuellentum“ ist nahezu exakt wiedergegeben, nur der Schluss wurde verändert. Die Taktart von 11/16, die sich in 6/16 + 5/16 aufteilt, erfordert ein sehr flexibles und sprechendes Rubato-Verständnis. Bei starrem Tempo wird man mit diesem Werk keine Freude haben. Ich komponiere mit Funktionschiffren, die ich durch die Lektüre von S. Karg-Elerts Harmonielehrewerken in leicht modifizierter Form übernommen habe. In dem Manuskript finden sich deswegen viele dieser Chiffren, die das harmonische Gerüst bilden. Die Akkordfolge des ersten Taktes wird sequenziert und bildet so eine Phrase bzw. eine musikalische Einheit, die das Ausgangsmaterial bildet.

Die Form lässt sich als eine grobe Sonatenhauptsatzform beschreiben. Das erste Thema wird in 5 Takten exponiert und dann kurz entwickelt, ehe nach A-Dur moduliert wird und auf einem wunderschönen h-Moll-Undezimakkord ein Stillstand eintritt.

Manuskript. Damals noch als Nr. 1 eines geplanten Zyklus von fünf Präludien.
Abb. 1: Manuskript. Damals noch als Nr. 1 eines geplanten Zyklus von fünf Präludien.
Abb. 2: Fertige Notenausgabe.

Das zweite Thema ist sehr süß und schmelzend, was so intendiert war. Ich habe von meiner Klavierlehrerin einmal den Vorwurf bekommen, zu trivial und vorhersehbar zu schreiben. Aber in diesem komplexen Stück ist das zweite Thema definitiv notwendig gewesen. Es klingt wie eine J-Pop-Ballade aus einem Anime. Ich bin mit diesem Thema voll und ganz zufrieden. Ist es nicht verwunderlich, was der Kopf alles kann?

Abb. 3: Zweites Thema.

Daraufhin folgt eine Art Durchführung, die das Motiv des ersten Halbtaktes aufarbeitet. Es kommt eine kleine Reprise, in der das erste Thema wiederholt wird und das zweite Thema diesmal in der Tonika C-Dur erklingt. Das Ende bzw. die Coda unterscheidet sich deutlich vom Manuskript.

Abb. 4: Schluss im Manuskript.
Abb. 5: Schluss des fertigen Stücks.

Der letzte Akkord ist sehr jazzig. Und die Formatierung war grausam. Aber dieses Ende gefällt mir deutlich besser als das erste. Es bietet einen unfassbar weichen und sentimentalen Abschluss. Und da ich eine sentimentale Person ist, passt das sehr gut zusammen.

Als nächstes ist das erste Stück entstanden, das ursprünglich als eine kleine Skizze geplant war, die sich streng am Formschema der Griegschen lyrischen Stücke orientiert. Das hat nicht gut geklappt und das Arrangement ist sehr virtuos geworden.

Ich führe mehrere Skizzenbücher, in denen ich jeden melodischen oder auch motivischen Gedanken festhalte. Ich habe unter anderem eine App, in der auch alle meine Lernmaterialien gesammelt sind, die ich fürs Studium brauche. In dieser App ist auch ein digitales Notenheft, in das ich während einer Vorlesung im Strafrecht aus Langeweile ein paar Einfälle schrieb. Darunter befindet sich auch der Nukleus für das Stück „Im norwegischen Tal.“

Abb. 6: Mein digitales Notenheft für Unterwegs.

Das Thema war hier in D-Dur notiert. Das habe ich nach E-Dur und in den 6/8-Takt umgeschrieben, was für mich eine natürlichere Phrasierung erschien. Ich habe meine Probleme mit dreiteiligen Takten (ja, 6/8 ist ein zweiteiliger Takt!).

Das erste Thema aus „Im norwegischen Tal“.

Die Exposition des ersten Themas ging sehr leicht von der Hand und ich hatte sie innerhalb weniger Stunden komplett gesetzt. Wie so oft stellt sich die Frage: Was kommt dann? Das beschäftigte mich lange und ich habe viele Entwürfe gelöscht. Letztendlich habe ich ein sehr rhythmisches Motiv gefunden, das ich verarbeiten wollte. Spieltechnisch äußerst schwierig und vertrackt.

Abb. 8: Das zweite Thema des ersten Teils. Es ist stark punktiert.

Nach einer kleinen Durchführung und Überleitung kommt dann der große zweite Abschnitt in cis-Moll, den ich im Kontrast zum energischen A-Teil gesetzt habe.

Abb. 9: Das Thema des B-Teils.

Das Thema erfährt eine Steigerung und einen Moment des harmonischen Stillstandes, ehe wieder zurück zum A-Teil in die Reprise moduliert wird. Nur wird diesmal das zweite Thema des A-Teils zuerst und in cis-Moll wiedergegeben.

Abb. 10: Überleitung und Anfang des zweiten Themas des A-Teils in der Reprise. Transponiert nach cis-Moll.

Die Technik, dass man zwei Themen eines übergeordneten formalen Blocks in umgekehrter Reihenfolge in der Reprise verwenden kann, habe ich mir von A. Skrjabin abgeschaut, der das in seinen späten Sonaten angewendet hat.

Nachdem das erste Thema des A-Teils wieder erklungen ist, geht es nahtlos in die Coda über, die dieselbe Akkordfolge wiederholt, aber die Textur des Klaviers verdichtet und so einen dramatischen Höhepunkt bildet, ehe das Stück mit wuchtigen Akkorden endet.

Abb. 11: Schluss des ersten Stücks. Vor allem die Rhythmik des zweiten Themas des A-Teils wird hier aufgegriffen und verarbeitet.

Zugegeben, das Thema des B-Teils kommt thematisch wahrscheinlich zu kurz. Aber für den Spannungsbogen des Stückes finde ich das gerechtfertigt.

Die weiteren zwei Stücke sind parallel entstanden. Für das vierte Stück habe ich zuerst eine Skizze angefertigt, um die grobe Struktur zu überblicken. Das dritte Stück „Wald-Legende“ habe ich ohne große Planung begonnen. Ich konnte so hin und her wechseln, wenn mich die Arbeit an einem der Stücke gerade gelangweilt hat oder ich nicht weiterkam.

Nach dem langsamen „Intellektuellentum“ wollte ich durch etwas Rasches und Dramatisches Abwechslung schaffen. Abwechslung ist neben Kohärenz einer der wichtigsten Parameter in der Musik. Ein komplett inhaltsloses Motiv kann durch Abwechslung und geschickten Einsatz äußerst Interessant werden (vgl. Beethovens 5. Symphonie, 1. Satz).

Ich überlegte mir eine grobe Form, die ich auf A-B-A-Coda festlegte und sammelte Ideen. Ich fand den Gedanken eines markanten Rhythmus, ohne allzu tänzerisch zu wirken, reizvoll.

Abb. 12: Erste Seite des dritten Stücks „Wald-Legende“.

Ich mochte den 7/8-Takt und habe überlegt, wie ich den Takt am besten aufteile. Das ist eine Technik, die ich jedem empfehle, um die Angst vor unregelmäßigen Takten zu nehmen. All diese Takte sind letztlich nur Kombinationen aus zwei- und dreiteiligen Takten. Nachdem ich eine Lösung gefunden hatte, die einen guten Phrasenverlauf zulässt, habe ich die Melodie skizziert und dann Harmonien dazu entworfen. Es hilft, die harmonischen Schwerpunkte zu setzen und dort Akkorde festzulegen. Das dürfe ruhige „einfache“ Akkorde sein, die im diatonischen Tonmaterial enthalten sind (also T, S oder Sp und D); alles andere kann später noch geändert werden. Diese Ankerpunkte können dann durch Zwischendominanten, weitere diatonische Akkorde, verminderte Dreiklänge etc. miteinander verbunden werden. So schafft man es, interessante Akkordverbindungen zu schreiben. Eine andere Möglichkeit ist die der Sequenzierung. Es bietet sich eine Sp-D-T (ii-V-I) an, da sie einen vollständigen diatonischen Quintfall wiedergibt und durch die Sp einen „exotischeren“ Klang als den stumpfen S-Klang bietet. Man wäre überrascht, was sich mit dieser einfachen Formel alles schaffen lässt…

Wie das erste Stück hat auch dieses zwei Themen im A-Teil, die einander kontrastieren. Das erste ist äußerst leidenschaftlich und wild, das zweite aufgeregt, aber trotzdem zugänglicher. Es steht im gerade 6/8-Takt und wird durch chromatische Harmonik interessant gemacht.

Abb. 13: Zweites Thema des A-Teils des dritten Stücks.

Diese Harmonien kamen mir erstaunlich einfach und schnell, was nicht immer selbstverständlich ist. Es bedurfte nur weniger Korrekturen, bis ich ein gutes Ergebnis hatte. Das Thema entwickelt sich weiter, moduliert und leitet dann zu einem Höhepunkt über, der in h-Moll steht.

Abb. 14: Höhepunkt des dritten Stücks.

Für diese Takte habe ich circa zwei Wochen gebraucht. Es war nicht einfach, diese Stelle effektiv zu arrangieren. Die Akkorde in Takt 34 sollen durch den Halbtonschritt an das erste Thema des A-Teils erinnern, das durch diesen Schritt exponiert wird. Jedenfalls hat dies die Inspiration dafür gegeben.

Der Rest ist konventionell gehalten. Das zweite Thema des A-Teils kehrt in F-Dur zurück und steigert sich zur Reprise des ersten Themas des A-Teils in a-Moll, ehe das Stück in einer dramatischen Coda und auf einem a-Moll-Akkord endet.

Das letzte Stück ist relativ unspektakulär geschrieben worden. Die Komposition fiel mir leicht, auch wenn es ein paar Stellen gab, an denen ich feilen musste, um ein besseres Ergebnis zu bekommen. Eine Stelle möchte ich aber hervorheben, da ich hier Schwierigkeiten hatte, die Konturen zwischen zwei Formteilen abzuweichen.

Abb. 15: B-Teil des vierten Stücks.

Die Takte 31 und 32 haben mir Schwierigkeiten gemacht. Ich konnte einfach keine gute Lösung finden, die nicht gekünstelt und unnatürlich wirkte. Ich habe beschlossen, eine Technik anzuwenden, die ich als „Übertreibung“ bezeichne. Eine rhythmische Figur wird so lange wiederholt, bis sie nach Auflösung verlangt. Durch einen Einsatz eines Rallentando, kann man auch agogisch zu einem anderen Tempo überleiten. Die Harmonie muss auch logisch geführt werden, dann sollte man damit in Zukunft auch keine Probleme mehr haben.

Der Schluss ist sehr laut und leuchtend. Ich hatte ursprünglich geplant, einfach auf einem D-Dur-Akkord zu enden, aber das empfand ich als zu trivial. Ich habe daher eine Doppel-Subdominante (C13) eingefügt, die die Leuchtkraft nochmal verstärkt.

Abb. 16: Ende des letztens Stücks.

Falls man bei solchen gebrochenen Akkorden Probleme hat, empfehle ich, sich die Start- und Endnote zu notieren (Ambitus) und dann auf einem Papier nur die Notenköpfe zu zeichnen. Um das metrisch passend zu machen, muss man dann nur noch die entsprechenden Balken wählen oder zu N-Tolen greifen und man hat einen passenden Lauf.

Schließlich wollte ich ein aussagekräftiges Cover, das grob den Inhalt der Sammlung wiedergibt und beauftrage meine Schwester, ein digitales Aquarell eines Urlaubsfotos aus Norwegen anzufertigen. Mir hat das Bild gefallen und ich habe in das Cover eingefügt. Als Inspiration dienten mir die Cover von Noten von Walter Niemann (insbesondere „Bilder vom Chiemsee, Op. 131“). Das fertige Cover sah dann wie folgt aus:

Abb. 17: Cover.

Zum Abschluss ist hier das dritte Stück in einer von Sibelius generierten Demo. Dementsprechend ist das Hörerlebnis mit Vorsicht zu genießen. Viel Spaß!