Jeder hat wohl eine Fähigkeit, die beim Kennenlernen als ein Fun Fact erzählt werden kann, was für leichtes Staunen und Heiterkeit bei den Anwesenden sorgt. Manch einer kann Wochentage für ein Datum benennen oder sämtliche Länder mit ihren Hauptstädten aufsagen, andere können ihren Ellbogen mit der Zunge berühren. Ich habe Latte Art gelernt, als ich noch in einem Café gearbeitet habe.
Sieben Jahre habe ich in diesem Café gearbeitet. Was ursprünglich als Übergangslösung geplant war, wurde langfristig. Ich begann in der 12. Klasse damit und wollte mein Taschengeld aufstocken. Es ist ironisch, dass ich ein Café gewählt habe, da ich den Menschenkontakt eigentlich überhaupt nicht mag und mich das sehr erschöpft, unter anderen Menschen zu sein. Am Ende habe ich mich aber ganz gut geschlagen und ich würde die Erfahrungen nicht mehr missen wollen.
Während meiner Arbeit habe ich „nebenbei“ Latte Art gelernt. Ich habe es nie wirklich beigebracht bekommen, sondern es hat sich irgendwann ergeben. Der Milchschaum bekommt ab einer bestimmten Routine von selbst die gewünschte Konsistenz, die man braucht, um ihn flüssig genug zu halten, dass er gegossen werden kann, aber leicht genug ist, um auf dem Kaffee zu schwimmen.
Eigentlich fängt man wohl damit an, Punkte auf die Oberfläche zu setzen und sie dann mit einem Querstrich zu durchziehen, um ein Herz zu machen. Das Herz konnte ich nie wirklich, ich habe durch ein lockeres Handgelenk Federn und Blätter gemacht.



Zugegeben, es sind keine Meisterwerke, aber ich habe Komplimente bekommen. Ich konnte mich aber nicht allzu sehr verausgaben, da man auch immer die Zeit im Hintergrund hat, die drängt und man sich eine Technik aneignen muss, bei der man eine Tasse in circa 30 Sekunden abfertigen kann. Deswegen bin ich bei Federn geblieben. Man kann sie mit zwei Handgriffen schnell machen und sie sehen ansprechend aus.
Die Ironie ist aber: Ich hasse Kaffee. Mir würde im Traum nicht einfallen, aus einer solchen Tasse zu trinken. Der Geruch von gerösteten Bohnen hat mich immer benebelt und war zu stark für meinen Geschmack.
Es ist normal, dass Kinder Kaffee nicht mögen, weil er zu bitter ist. Die Italiener haben den Latte macchiato erfunden, um Kinder an den Geschmack von Kaffee zu gewöhnen, sodass sich eine richtige Lernkurve ergibt: Latte macchiato – Cappuccino – Espresso, mit einem abnehmen Grad an Milchzufuhr. Als ich älter wurde und die Leute um mich herum anfingen, Kaffee zu trinken, habe ich es auch mal probiert und hatte das gleiche Erlebnis wie beim Alkohol. Ich fand den Geruch bereits penetrant und giftig. Der Geschmack war furchtbar. Und auch heute, wenn ich Kaffee in irgendwelchen Süßwaren beigemischt finde, verziehe ich das Gesicht. Scheinbar bin ich nie über das Kind-Stadium hinausgekommen.
Ich werde also nie verstehen können, wie es ist, ins Büro zu kommen und allen Kollegen anzukündigen: „Ich brauche erstmal einen Kaffee, sonst geht nichts.“
Dafür liebe ich Tee umso mehr. Früher liebte ich Früchte-Tee (der streng genommen kein Tee ist), gerne auch mit sechs Löffeln Zucker pro Tasse, aber das nahm ab, je älter ich wurde. Mittlerweile trinke ich fast ausschließlich grünen Tee, ungesüßt. Ich mag die erfrischende und belebende Wirkung des Grüntees und schätze vor allem den starken Geschmack des Matchas. Und das ganz ohne Milch und Zusätze. Jeden Tag trinke ich mindestens eine Tasse dieses Tees, meistens am Morgen aber manchmal auch am Abend, wenn ich Musik mache, um den Geist nach dem Mittagstief zu beleben. Oder ich greife auf L-Tyrosin zurück. Oder beides.
Auf eine Sache bin ich als Teetrinker allerdings neidisch: Kaffeetrinken ist ästhetischer. Es ist erwachsen, es hat eine andere kulturelle Verankerung und die Muster im Cappuccino sind schlichtweg hübsch anzusehen. Von diesen Oberflächlichkeiten abgesehen, vermisse ich allerdings nichts. Da ich Geselligkeit ohnehin nicht mag und Ruhe schätze, komme ich auch nicht in Verzug bei der Teilnahme von Kaffeeklatschrunden mit Freunden. Ein weiterer Vorteil ist, dass man sich in der Küche den Platz für eine Kaffeemaschine spart und man nur einen Wasserkocher und einen Aufbewahrungsort für die Teebeutel braucht.
