Weihnachten

1. Der Morgen

Es sah wunderschön aus. Die ganze Straße war in rotes warmes Licht, das die aufgehende Sonne ausstrahlte, gehüllt. Der Schnee glitzerte wie Diamantenstaub und die Fenster der neun Häuser sahen aus wie Spiegel. Es war absolut still, fast schon meditativ. Die Sonne stieg weiter empor und verdrängte nach und nach die Schatten und das Dunkel. Es würde ein wunderschönes Weihnachten werden, das stand fest, und jeder würde sich auf den heutigen Tag freuen.

Die Straße, in der die neun Häuser standen war ein Paradies für Familien. Verkehrsberuhigter Bereich, ruhige Lage, nah am Stadtzentrum, ein Spielplatz und sogar ein kleines Gasthaus, das zu einem Besuch einlud.

Zunehmend wurde die Stille von Vögeln durchbrochen, die den heutigen Tag mit einem kleinen Lied begrüßten. Den Heiligabend.

Um circa 8 Uhr öffnete sich eine Haustür und ein breitgebauter, älterer Mann ging aus ihr. Er sah nicht gerade entspannt aus unter seinen zwei Jacken, die ihn vergeblich vor der Kälte schützten. Mit langsamen Schritten watete er durch die dichte Schneeschicht mit einem blauen Briefumschlag in der Hand, den er – so angespannt wie er war – beinahe zu zerknüllen drohte. Er sah sich zu beiden Seiten um und überquerte die Straße und steuerte auf das gegenüberliegende Haus – die Nummer 5 – zu. Auf der anderen Seite angekommen nahm der alte Mann den Brief und warf ihn mit zittriger Hand durch den Schlitz des silbernen Briefkastens, der an einem steinernen Pfosten der Gartenmauer befestigt war. Selbst der Briefkasten glich im Sonnenlicht einem lupenreinen Spiegel. Der alte Mann hustete kurz kräftig, wobei man fast meinen könnte, er hätte die gesamte Nachbarschaft aufgeweckt, und drehte sich um. Schwerfüßig bahnte er sich durch den Schnee, in der Hoffnung, nicht auszurutschen. Wieder sah er sich zu beiden Seiten um und vergewisserte sich, dass kein Auto in der Nähe war. Als er wieder auf seinem Grund und Boden war ging der die zwei Stufen zur Veranda hoch und hastete eilig ins Haus. Die Tür ging zu und die Straße wurde wieder der Stille überlassen.

Eine Stunde später ging die Tür der Nummer fünf auf und ein Mann, Mitte 40, trat aus ihr. Er war recht bauchig, hatte einen leichten Dreitagebart und war ungefähr einen Meter achtzig groß. Er schnaubte stark und sein Atem gefror vor seinen Augen.

Er ging zum Briefkasten und öffnete ihn mit einem kleinen Schlüssel, den er mit den Handschuhen schlecht aus seiner Jackentasche fischen konnte. Als er ihn jedoch gefangen hatte, zog er die Hand aus der Tasche und steckte ihn in das Schloss. Er drehte den Schlüssel rasch um, öffnete das Türchen und entnahm den Inhalt, der aus dem blauen Brief des Nachbarn bestand. Der Mann blickte den Brief an und auf der Vorderseite stand in goldener Schreibschrift „Familie Derrendorf“. Der Mann sperrte die Tür des Briefkastens zu und ging zurück ins Haus, wo er sich seiner Jacke, Stiefel, Mütze und Handschuhe entledigte.

Mit dem Brief in der Hand ging er ins Wohnzimmer, dass über einen kleinen Kamin verfügte. Der Weihnachtsbaum stand schon und war prächtig mit Lichterketten, Glaskugeln, Silbersternen und anderem Kitsch bestückt worden. Der Mann, Philipp war sein Name, öffnete mit seinem Zeigefinger den Briefumschlag und entnahm das sorgfältig zusammengefaltete Stück Papier. Mit derselben goldenen Handschrift war darauf zu lesen:

Liebe Familie Derrendorf,

euch wünsche ich ein schönes und besinnliches Weihnachtsfest! Genießen sie den heutigen Tag!

Fröhliche Weihnachten wünscht euch

Günther Pietz

Ein Lächeln breitete sich auf dem Gesicht von Philipp aus. Der Nachbar hatte doch tatsächlich an sie gedacht. Als er den Umschlag auf die Kommode neben dem Sofa legen wollte bemerkte er, dass sich noch etwas in dem Briefumschlag befand. Er sah hinein und sah vier schwarze Gutscheinkarten. Sie sahen selbstgemacht aus und auf ihnen stand „für ein ganz besonderes Erlebnis“ geschrieben. Würde der alte Nachbar ihnen Tatsächlich eine Reise schenken? So etwas könne man doch nicht annehmen, dachte sich Philipp.

Er musste sich bedanken gehen. Also zog er wieder seine Sachen an und ging aus der Tür. Er überquerte die Straße und ging zur Nummer acht. Er klingelte dreimal, doch es machte keiner auf. Vielleicht war er wieder eingeschlafen, dachte sich Philipp und ging wieder nachhause. Als er das Haus betrat hörte er aus dem oberen Stockwerk den Alltag rufen.

2. Familie Derrendorf

„Du Dreckssack!“

„Halt die Fresse! Wen nennst du hier eigentlich Dreckssack? Du hast doch dein scheiß Müsli in meinem Zimmer verteilt!“

„Was ist hier los?!“, rief Philipp

„Na also, jetzt gibt’s Anschiss von Papa. Der wird schon wissen, dass ich Recht habe!“, sagte die tiefere der beiden Stimmen.

„Samuel! Jonas! Kommt sofort runter!“, sagte Philipp streng.

„Was ist denn hier los?“, kam es kratzig aus einem der oberen Zimmer.

„Die Jungs streiten schon wieder, Anna.“

„Schon wieder? Jungs, ihr seid mittlerweile alt genug. Hört das denn nie auf?“

„Wenn der Pisser hier endlich Manieren lernt!“, schnaubte der Ältere.

„Samuel!“, zischte Anna, ihre Mutter.

„Kommt ihr jetzt endlich mal?“, sagte Philipp ungeduldig.

„Ja.“, entgegneten beide Stimmen widerwillig.

Philipp vernahm noch beleidigendes Nuscheln, als die beiden Jungs die Treppen herunterstiegen.

Der Ältere – Samuel – war 17 Jahre alt. Er war sehr dünn und in etwa so groß wie sein Vater, hatte braune Haare – er trug Undercut – und braune Augen. Jonas, sein kleiner Bruder war acht Jahre jünger als Samuel und normal gebaut. Er sah seinem Bruder – den Größenunterschied ausgenommen – zum Verwechseln ähnlich. Anna, ihre Mutter war eine schlanke, fast dürre Frau mit zerzausten blonden Haaren, die von unruhigen Nächten stammten.

Die Mutter folgte schläfrig und mit gequältem Gesicht – sie kann seit Tagen nicht richtig schlafen, da sie andauernd an Kopfschmerzen litt – ihren beiden Söhnen und positionierte sich neben ihrem Mann.

„So ihr beiden. Was ist jetzt bitteschön wieder passiert?“, fragte Philipp.

„Ich wollte bei Samuel im Zimmer frühstücken!“, jammerte Jonas.

„Ja, und selbst dazu bist du zu dumm!“, fauchte sein Bruder ihn an.

Samuel übernahm weiter.

„Dann hat sich Jonas mit seiner Müslischüssel auf mein Bett gesetzt und ich wollte ihn nicht so nah bei mir haben, weil ich noch im Bett lag. Als ich ihn gefühlt tausendmal mit meinem Fuß wegstupsen wollte, hat er endlich kapiert, dass ich gerade keinen Bock auf ihn habe und er ist aufgestanden, ist auf dem Teppich ausgerutscht und jetzt ist die ganze scheiß Milch in meinem Zimmer…“

Er schaute Jonas böse an.

„Aber, du weißt doch, dass das nicht mit Absicht war!“, schluchzte Jonas.

Samuel schnaubte verächtlich, was er als Antwort entgegnete.

„Reißt euch beide mal zusammen. Samuel, ich würde es wirklich toll finden, wenn du etwas mehr auf deinen Tonfall achten und nicht so über deinen Bruder reden würdest. Denkst du nicht, du kannst ihm verzeihen? Er hat es doch wirklich nicht böse gemeint. Und du, Jonas, wenn Samuel dich schon mit seinem Fuß wegschieben will, dann lass ihm lieber seine Ruhe und geh bitte aus seinem Zimmer, ja. Alles wieder okay?“

„Ja…“, kam es von beiden still.

„Tut mir wirklich leid, dass ich so ausgetickt bin“, sagte Samuel zu Jonas sanft.

„Mir tut es auch leid, dass ich die Milch verschüttet habe“, entgegnete Jonas.

Die beiden Brüder näherten sich vorsichtig und umarmten sich. Jonas und Samuel sahen wieder beruhigt aus.

„Das nenn‘ ich doch mal ein Weihnachtswunder“, sagte Anna lächelnd. „Das hast du gut gemacht, Schatz“. Sie gab ihrem Mann einen Kuss auf die Wange und ging ins Wohnzimmer. Philipp und ihre beiden Söhne folgten ihr.

„Ich habe hier eine kleine Überraschung für euch!“ Die ganze Familie schaute Philipp gespannt an. „Hier sind Gutscheine für einen besonderen Tag unserer Wahl von Herrn Pietz!“

„Wirklich, von unserem Pietz?“, fragte Anna.

„Oh Mann, wie geil ist das denn! Damit kann ich nach Berlin mit meinem Kumpel fahren!“ Samuel machte Freudensprünge, von denen er aber schnell erschöpft zu sein schien.

„Du, junger Mann“, sagte Philipp, „wirst jetzt erstmal mit Jonas die Sauerei oben aufräumen. Und du, Jonas, wirst deinem Bruder auch dabei helfen, ja?“

„Ja, Papa“, kam es von den beiden und sie gingen nach oben, ohne zu streiten.

Philipp und Anna waren nun allein im Wohnzimmer.

„Hast du dich schon bedankt?“, fragte Anna etwas besorgt.

„Ich habe es versucht und bei ihm geklingelt, aber keiner hat aufgemacht. Vielleicht ist er wieder schlafen gegangen.“

„Wir probieren es später nochmal, ja?“

„Ja, das machen wir.“

3. Samuel

Anna und Philipp blieben noch ein wenig im Wohnzimmer und unterhielten sich über Dies und Jenes. Jonas und Samuel waren indes nach oben ins Badezimmer gegangen, um einen Eimer mit Wasser zu befüllen und einen Lappen zu holen, damit sie Samuels Zimmer sauber machen konnten.

„Bevor ich es vergesse, Schatz, wir müssen für Morgen noch einkaufen gehen! Schließlich kommen ja unsere Eltern und deine Schwester morgen zu uns!“, sagte Anna.

„Gut, dass du daran denkst! Ich hätte es glatt vergessen.“, entgegnete Philipp. Er sah peinlich berührt aus.

„Sollen wir dann gleich losfahren?“

„Ja, dann haben wird das schon erledigt. Der Tag wird schon stressig genug.“

„Okay, dann zieh dich schnell um, dann können wir los.“

Anna und Philipp verließen das Wohnzimmer. Ihre Wege trennten sich im Flur – Philipp ging zur Garderobe und Anna nach oben ins Schlafzimmer. Auf dem Weg zu ihrem Zimmer kam sie am Badezimmer vorbei und winkte ihren beiden Söhnen zu, die zu ihrem Erstaunen noch kein Chaos angerichtet hatten.

„Papa und ich fahren noch kurz, was einkaufen, ja?“

„Okay, Mama. Wir räumen währenddessen auf!“, sagte Jonas bestimmt.

„Kann man euch denn alleine lassen?“, entgegnete Anna mit einem Lächeln.

„Wir werden uns schon nicht umbringen“, lachte Samuel.

„Ich bin stolz auf euch!“, sagte Anna zu den beiden, winkte ihnen einen Kuss zu und ging ins Schlafzimmer.

Nachdem sie sich umgezogen hatte und die Treppen herunterstieg, wartete ihr Mann schon in voller Montur und stand bei der Haustür. Rasch zog sich Anna ihren Mantel, ihre Mütze, Stiefel und Handschuhe an und stellte sich zu ihrem Mann.

„Ich wäre soweit.“

„Jungs! Mama und ich fahren kurz einkaufen! Macht mir ja keinen Unfug und lasst die Gutscheine von Herrn Pietz bitte da, wo sie sind! Die bekommt ihr dann am Abend bei der Bescherung, Okay?“, rief Philipp.

„Ja!“, kam es aus dem Badezimmer von den beiden Jungs.

„Tschüss! Hab‘ euch lieb!“, rief Anna.

„Bis später!“

Die beiden gingen aus dem Haus und schlossen die Tür hinter sich. Das war der Klang der Freiheit.

„Geil! Sturmfrei!“, rief Samuel.

„Vergiss nicht, was wir mit Papa abgemacht haben, ja?“

„Ja, das weiß ich doch.“

„Gut, dann lass uns jetzt sauber machen, Okay?“

„Okay, an die Arbeit!“

Jonas und Samuel gingen aus dem Badezimmer, zusammen mit einem Eimer voller Wasser, in dem zwei grüne Lappen schwammen. Da der Eimer für Jonas viel zu schwer gewesen wäre, trug Samuel angestrengt das Stück rosa Plastik in sein Zimmer. Als sie beide dort ankamen stellte Samuel den Eimer sanft auf den Boden und sein zuvor schmerzverzerrtes Gesicht entspannte sich sichtlich. Beide Jungs nahmen sich jeweils einen Lappen und fingen an unterschiedlichen Stellen der Milchpfütze an. Dabei blieben ein paar Frühstücksflocken im Lappen hängen, was Samuel nicht sehr begeisterte. Nach ungefähr zehn Minuten waren sie dann fertig und sie besiegelten ihr Teamwork mit einem Highfive.

„Geschafft“, sagte Samuel erleichtert.

„Tut mir nochmals leid!“, kam es von Jonas, der seinen Bruder wehmütig ansah.

„Schon gut, Jonas“, beruhigte Samuel ihn.

„Das war die Arbeit, jetzt kommt das Vergnügen!“

„Was hast du vor?“, fragte Jonas.

„Na was wohl, ich hole mir mein Ticket!“

„Aber Papa…“

„Aber Papa mein Arsch. Ich will sie mir nur ansehen, das ist doch wohl in Ordnung.“

„Wie du meinst…“

Samuel schmiegte sich an seinem Bruder vorbei und huschte die Treppen ins Wohnzimmer herunter. Begierig ging er in Richtung Kommode, wo ihn der blaue Umschlag mit den schwarzen Karten anlächelte.

„Berlin, ich komme!“, dachte er sich und griff nach einer der Karten.

„Hast du sie jetzt angeschaut?“, rief Jonas aus Samuels Zimmer.

„Ja! Bin schon fertig!“

Er sah kurz hinter sich und nahm eine der Karten und steckte sie sich in seine Gesäßtasche seiner schwarzen Jeans. Gemütlich ging er wieder die Treppen in sein Zimmer hoch, wo ihn sein Bruder mit nachdenklichem Gesichtsausdruck bereits empfing. Jonas beäugte seinen Bruder kritisch.

„Ich weiß doch, dass du eine mitgenommen hast.“

„Habe ich nicht! Du hast doch gar keinen Beweis!“

„Du verschränkst nie die Arme hinter deinem Rücken, entweder du hast sie in deiner Hand oder sie ist in einer Hosentasche!“

Jonas schnellte hinter seinen Bruder und versuchte, nach seinen Händen zu greifen.

„Hey du kleiner Perversling! Ich lass‘ mich von dir doch nicht begrabschen!“

Samuel wandte sich schnell um 180 Grad, nahm die Karte aus der Hosentasche, sprang kurz nach oben und warf sie auf seinen Kleiderschrank. Jonas konnte ihm die Karte nicht entreißen.

„Aber Papa…“

„Halt die Fresse mit ‚Aber Papa‘!“, keifte Samuel.

„Verzieh dich jetzt!“

Jonas wich einen Schritt in Richtung Tür zurück und stolperte über den Eimer mit dem Wasser, das sich mit der Milch und den Essensresten vermischt hat.

„Du Missgeburt! Jetzt war alles umsonst! Wie kann man denn so behindert sein! Mama und Papa hätten dich abtreiben sollen!“ Samuel kochte vor Wut und seine Augen verfinsterten sich.

Jonas fing an zu weinen und rannte aus dem Zimmer seines Bruders. Er ging in sein Zimmer, schloss die Tür ab und verkroch sich in seinem Bett. Er nahm Kopfhörer und drehte seine Musik auf volle Lautstärke, um die Wutausbrüche von Samuel nicht anhören zu müssen. Tränen tropften auf das Bettlaken.

Samuel ließ mit einem lauten Knall die Tür ins Schloss fallen und tat es seinem Bruder gleich. Auch er sperrte seine Tür ab, damit Jonas nicht noch mehr anstellen könnte. Der Holzboden seines Zimmers war pitschnass und überall waren kleine Müsliklumpen verteilt.

„Schöne Scheiße.“, sagte er leise zu sich selbst. „Egal, dass mach ich später. Ich schau jetzt erstmal nach der Karte, bei meinem Glück heute ist die auch noch ins Wasser gefallen…“

Samuel hüpfte kurz nach oben und konnte die Karte nicht entdecken. Genervt verdrehte er die Augen. Er sah sich in seinem Zimmer um. Ein Hocker war nirgends zu finden. Dann kam ihm die Idee, den Eimer, den Jonas umgestoßen hatte, als Hocker zu verwenden. Der müsste sein leichtes Gewicht tragen können, dachte Samuel und ging auf Zehenspitzen durch die große Pfütze. Im Zimmer war es absolut still. Er nahm den Eimer, drehte ihn um und stellte ihn vor seinen Kleiderschrank in die Pfütze. Mit einem kraftvollen Stoß stieg er auf den Eimer, der aufgrund des Wassers wegrutschte. Samuel hielt sich an dem obersten Brett des schweren Kleiderschranks fest, in der Hoffnung, das Gleichgewicht halten zu können. Vergebens. Ehe er die Karte erblicken konnte fiel er. Die Holzkonstruktion vor seinen Augen mit ihm. Er riss den Kleiderschrank mit. Ein Knall. Schwarz. Die Wasserpfütze, die von der Milch noch etwas weißlich war, verfärbte sich blutrot und in Samuels Zimmer kehrte wieder eine bizarre Stille ein.

Jonas weinte weiterhin in seinem Bett, immer noch mit den Kopfhörern und der lauten Musik.

4. Einkäufe

Kaum als Philipp auf dem Parkplatz stand, seufzten beide, da sie gleich aus dem warmen Auto aussteigen und in die Kälte mussten. So blieben sie noch stillschweigend ein paar Sekunden sitzen, ehe beide sich der Peinlichkeit ihrer Situation Bewusst wurden und das Auto verließen. Ein eisiger Wind peitschte ihnen durchs Gesicht und man spürte förmlich, wie die Augäpfel gefroren. Sie gingen eilig, die Hände in den Jackentaschen, zu den Einkaufswägen, um sich einen zu holen. Als sie die Münze einwarfen und den Wagen aus den anderen herauszogen, fing es an, zu schneien.

„Schau mal, wie weihnachtlich!“, stotterte Anna zu ihrem Mann.

„Na super, das hat uns gerade noch gefehlt.“

Sie betraten den Supermarkt und berieten sich, was sie alles kaufen sollten und was nicht. Vor der Gemüseauslage machte Anna halt und suchte sich Salatköpfe, Zwiebeln, Kartoffeln und Rotkohl aus und legte diese in den Wagen.

„Brauchen wir denn so viel?“, fragte Philipp.

„Nun ja, wir haben Besuch und uns müssen wir ja auch noch ernähren.“

„Hm.“

Sie bahnten sich weiter durch den Laden, vorbei an den Tiefkühlwaren, an welchen sie nur kurz Halt machten, da Anna wieder sehr zu frieren begann. Gegen Ende ihrer Tour kamen sie bei den Süßwaren an.

„Oh, da brauchen wir so einiges!“, sagte Anna und fischte hastig einige Kekse, Schokoladentafeln und Gummibärchen aus den Regalen und warf sie in ihren Einkaufswagen.

„Willst du etwa, dass wir alle Diabetes kriegen?“, lachte Philipp.

„Nein.“, lachte Anna zurück. „Ich will lediglich noch etwas für die Jungs mitnehmen. Ich glaube, ich nehme noch ein paar Tafeln mehr mit. Samuel hat ja immer so einen Hunger.“

„Dieses Kind ist faszinierend. Spindeldürr und frisst, wie sonst was.“

„Er ist doch im Wachstum, da braucht man eben so viel. Warst du etwa anders?“

„Leider ja. Mir sah man jedes Kilo sofort an. Und trotzdem hat mich eine wunderschöne Frau geheiratet“, grinste Philipp Anna an.

Anna erwiderte dies mit einem Kuss. Daraufhin gingen beide in Richtung Kasse.

„Ach Philipp, bevor ich es vergesse: Ich würde später noch gerne zu meiner Mutter ins Pflegeheim fahren und wollte ihr die schwarze Karte schenken, weil ich finde, dass sie etwas Schönes erleben sollte. Im Heim scheint es immer sehr trist zu sein.“

„Ja klar, Liebling, mach‘ das ruhig“. Philipp gab ihr einen Kuss.

Als die beiden gezahlt und alle Sachen in den Wagen geladen und vom Wagen ins Auto verfrachtet hatten, hatte sich der Schneefall verdichtet und sie stiegen schnell wieder in ihr Auto und machten sich auf den Heimweg. Während der Fahrt hörten sie im Radio Weihnachtslieder, die durch Ansagen des lokalen Senders unterbrochen wurden.

5. Daheim

„Wir sind wieder da!“, rief Philipp. Er bekam keine Antwort. Verdutzt sah er zu Anna hinüber.

„Jungs?!“, fragte Anna.

„Vielleicht hören sie Musik, oder so. Kann ja sein. Wenn die beiden wirklich Samuels Zimmer sauber gemacht haben, wette ich, dass sie jetzt erstmal Abstand halten werden, um sich nicht wieder in die Haare zu kriegen“, sagte Philipp zu Anna. Er ging durchs Wohnzimmer in die Küche und stellte den Korb mit den Lebensmitteln auf der Küchentheke ab. Währenddessen zog sich Anna in der Garderobe um und ging, als sie fertig war, ins Wohnzimmer. Im Vorbeigehen sah sie den blauen Briefumschlag und bemerkte, dass eine der vier Karten fehlte.

„Schatz, ich glaube Samuel, hat sich nicht richtig gedulden können.“

„Was meinst… Oh, ist etwa eine der Karten weg?“

„Ja, und ich wette, dass Samuel sie sich genommen hat.“

„Warte kurz“, sagte Philipp und ging ebenfalls in die Garderobe, um seine Schuhe auszuziehen und Mantel, Mütze und Handschuhe abzulegen. Den Hausschlüssel warf er im Vorbeigehen in eine kleine Glasschüssel, die auf einem Beistelltischchen nahe der Haustür stand. Er ging die Treppe hoch und wanderte die Galerie entlang, bis er vor Samuels Zimmertür stand. Er klopfte.

„Samuel?“ Keine Reaktion.

„Samuel?“, fragte Philipp etwas lauter und er versuchte, die Tür zu öffnen. Sie war verschlossen

„Oh Mann, dieses Kind“, fluchte er leise vor sich hin. Natürlich konnte er nicht wissen, dass ihn die abgeschlossene Tür schützte. Sie schützte ihn vor dem, was in Samuels Zimmer war. Philipp wusste nicht, dass wenige Meter vor ihm, sein toter Sohn in einer Blutlache lag.

Genervt ging Philipp zur benachbarten Tür nach links und klopfte vorsichtig an.

„Ja?“, kam es leise.

„Jonas, ich bin’s. Kannst du bitte die Tür aufmachen?“

Philipp hörte leise Schritte, die auf die Tür zutappten. Der Schlüssel wurde umgedreht und Jonas machte die Tür auf. Er hatte ganz rote Augen.

„Was ist denn mit dir, mein Großer?“, Philipp kniete sich hin strich seinem Sohn durch die Haare. Jonas begann wieder zu weinen.

„Es… es… es war meine Schuld“, schluchzte er. „Wir haben den Boden sauber gemacht und…“

„Was ist dann passiert?“ Philipp legte seine Hand auf Jonas rechte Schulter und begleitete ihn zum Bett, wo sich beide an die Kante setzten.

„Dann hat sich Samuel eine der Karten geholt.“ Jonas weinte weiter. „Ich wollte ihm die Karte dann wegnehmen aber ich hab‘ es nicht geschafft. Dann hat er mich angeschrien und meinte, ich soll ihn in Ruhe lassen. Ich bin dann über den Eimer gestolpert und sein ganzes Zimmer war wieder nass…“, Jonas vergrub sein Gesicht in seinen Händen. Philipp seufzte.

„Ich bin dann in mein Zimmer und habe im Bett geweint und Musik gehört, damit ich Samuels Flucherei nicht hören muss. Ich hatte so Angst. Es tut mir so leid, Papa!“

„Hey, alles Gut, mein Großer! Dich trifft keine Schuld. Du hast richtig gehandelt und wolltest deinem Bruder seine Ruhe lassen. Dass du dabei gestolpert bist, ist nicht deine Schuld!“ Philipp nahm Jonas in den Arm. Sie umarmten sich lange und Philipp konnte vereinzelt die kleinen Tränen spüren, die auf seine Schulter tropften.

„Danke, Papa.“

Philipp fuhr Jonas durch die Haare und gab ihm einen Schulterklopfer.

„Geht’s dir soweit wieder gut?“

„Geht schon“. Jonas wischte sich ein paar Tränen aus dem Gesicht.

„Dann leg‘ dich noch ein bisschen hin und versuche, runterzukommen. Schau dir was auf YouTube an, oder so ähnlich“. Philipp versuchte, seinen Sohn zu beruhigen und ihn auf andere Gedanken zu bringen.

„Das mach‘ ich, Papa.“

„Ich hab‘ dich lieb!“

„Ich dich auch!“

Philipp schloss die Tür und überlegte, Samuel darauf anzusprechen. Dann entschied er sich anders, als ihm einfiel, dass Samuel seine Wut bestimmt wieder an Jonas auslassen und ihn als Verräter betrachten würde. So ging er leise die Treppe herunter ins Wohnzimmer zu seiner Frau, die in der Zwischenzeit alle Einkäufe eingeräumt hatte.

„Wie geht’s den beiden?“, fragte Anna besorgt.

„Samuel scheint seine Ruhe haben zum wollen und Jonas hat vorhin ziemlich geweint, weil die beiden sich schon wieder gestritten haben.“

„Die beiden kann man wirklich nicht alleine lassen, oder?“ Anna gähnte.

„Schatz, denkst du wirklich, es ist gut für dich, in deinem jetzigen Zustand alleine zu deiner Mama zu fahren?“

„Ich kriege das schon hin. Vertrau‘ mir einfach. Ich fahre da nur schnell hin, wünsche meiner Mutter ein schönes Weihnachten und schenkte ihr dann die Karte.“

„Wo du gerade davon sprichst: Weißt du überhaupt, was du mit ihr unternehmen willst?“, fragte Philipp.

„Noch nicht wirklich, aber es wird wahrscheinlich etwas im Frühling sein, wenn man auch draußen etwas unternehmen kann.“

„Okay, dir steht es ja frei. Und meinst wirklich, dir geht es soweit gut?“

„Philipp, ich schaffe das schon. Ich habe ja jetzt vom Arzt Tabletten bekommen gegen die Migräne und ich muss sagen, die wirken sehr gut! Mach‘ dir keine Sorgen, ich bin vor fünf zurück.“

„Ich kann dich auch fahren!“, sagte Philipp ängstlich.

„Und wer passt dann auf die Kinder auf? Wir haben ja gesehen, wie das endet. Nein, du bleibst hier, räumst ein bisschen auf und probierst es nochmal bei Herrn Pietz. Ich werde rechtzeitig wieder daheim sein.“

„Versprochen?“

„Versprochen“, sagte Anna ernst.

„Okay, dann zieh‘ dich um.“

Anna gab ihrem Mann einen Kuss. Sie ging ins Wohnzimmer und machte vor der Kommode halt, um eine Karte mitzunehmen. Sie griff sich eine der drei Übrigen und ging in Richtung Garderobe, wo sie sich umzog. Philipp gab ihr noch einen Kuss und sie verließ das Haus.

6. Anna

Seit sie denken konnte, war sie für Krankheiten anfällig gewesen. In der Grundschule fehlte sie oft wegen eines Magen-Darm-Virus. In der Realschule ging es weiter mit einem Schädelbasisbruch, einer Lungenentzündung und einer Entzündung des Blinddarms (neben Kleinigkeiten wie Erkältungen oder Fieber). Vermutlich hatte sie diese Disposition von ihrer Mutter geerbt, denn auch sie war häufig krank gewesen und musste oft das Bett hüten, weswegen sie häufig mit dem Haushalt nicht mehr hinterherkam. Anna musste dann einen Teil ihrer Arbeit übernehmen und ihrem Vater helfen. Obwohl sie viele Verpflichtungen als Mädchen und später als Jugendliche hatte, konnte Anna doch an eine schöne Kindheit zurückdenken. Sie hatte nicht viele, aber gute Freunde, mit denen sie noch heute Kontakt pflegt. Liebeskummer blieb ihr bis jetzt erspart, denn Philipp war ihr erster und einziger Mann an ihrer Seite. Sie hatte eine schöne Hochzeit und gründete ihre eigene Familie, die sie mit großer Hingabe umsorgte und verwöhnte. Sie liebte ihre Familie über alles. Wären da nur nicht immer die Migräne-Attacken, die sie oft zurückwarfen.

All das ging Anna durch den Kopf, als sie im Auto saß und gerade aus der kleinen Straße fuhr. Sie bewegte sich entlang der vorstädtischen Siedlungen, um die nächste Abzweigung zur Landstraße zu nehmen. Ihre Mutter, Renate, war in einem Pflegeheim in der benachbarten Stadt untergebracht, da die hiesigen Wohnheime Anna keine gute Verpflegung versprachen – unfreundliches und gestresstes Personal, katastrophale Lagen und uralte Ausstattungen. Wenn sie schon nicht für ihre Mutter selbst sorgen konnte, in ihrem Zustand, dann sollte ihre Mama mindestens das Beste bekommen.

Nach etwa zehn Minuten Autofahrt kam Anna endlich an der Ampel an, an der die Straße in eine Landstraße mündete. Während sie auf das Lichtsignal wartete, schienen die Tabletten, die sie zuvor gegen die Migräne genommen hatte, ihre Wirkung zu zeigen. Ihre Augenlider wurden schwer und sie fielen für den Bruchteil einer Sekunde zu, ehe Anna sich wachrütteln konnte, um die Grünphase nicht zu verpassen und andere Autofahrer, die hinter ihr standen, nicht zu verärgern. Der Schneefall schien nicht nachgelassen zu haben, dachte Anna und blickte mit Sorgen auf die bevorstehende Fahrt auf der Landstraße. Die Ampel schaltete auf Grün und Anna fuhr los und beschleunigte rasch auf die vorgeschriebene Geschwindigkeit. Die Straße ging lange geradeaus, weswegen Anna weiterhin damit zu kämpfen hatte, sich aufs Autofahren zu konzentrieren.

Während sie weiterfuhr und versuchte, sich wach zu halten, wurde die Straße sowie die Umgebung immer bergiger und kurviger. Der Straßenverlauf ging durch ein kleines Wäldchen, das sich einen Hang herunterschlängelte. Zwischen fast schwarzen Nadelbäumen war die zweispurige Straße eingelassen, welche durch Links- und Rechtskurven jemandem, mit einem schwachen Magen, ein ganz besonderes Erlebnis versprachen.

Anna versuchte weiterhin, sich auf das Autofahren zu konzentrieren. Ein Blick nach Links, ein Blick nach rechts. Sie sah wirr in den Spiegeln umher, um nicht einzuschlafen. Der Kampf gegen die Müdigkeit schien fast entschieden worden zu sein.

„Konzentrier‘ dich“, flüsterte sie sich zu. „Konzentrier‘ dich, dann wird alles gut.“

Nichts wurde gut. Desto mehr sie versuchte, der Wirkung der Tabletten entgegenzusteuern, umso kraftloser und schläfriger wurde sie. Nach einer scharfen Linkskurve nickte sie schließlich ein. Ihr Körper sackte zusammen und die Muskeln entspannten sich. Ihr rechter Fuß sackte auf das Gaspedal und der Kopf nickte nach vorne und kam auf dem Rand des Lenkrades auf. Mit Vollgas brach sie durch die Leitplanke und fiel den Hang herunter, bis sie mit einem der Bäume kollidierte.

„Ich hab‘ es dir doch versprochen…“, stotterte Anna.

Und sie war tot.

7. Vater und Sohn

Mittlerweile war es 16 Uhr geworden und die Sonne, die wenige Stunden zuvor den Tag erhellt hat, überließ die Welt wieder nach und nach der Dunkelheit. Philipp und Jonas saßen auf dem Sofa im Wohnzimmer und wärmten sich vor dem Kamin. Immer wieder blickte Jonas besorgt zu seinem Vater und wollte etwas sagen, aber ihm fiel nichts ein. Philipps Gedanken waren bei Anna, seiner Frau, und ihrem Besuch bei ihrer Mutter im Pflegeheim. In einer Stunde wollte sie daheim sein, dachte Philipp panisch. Melancholisch sah er in die Flammen, sein Blick war leer.

„Papa?“

„Ja, Jonas?“

„Ist irgendwas? Du wirkst so traurig.“

„Alles ist gut“. Philipp versuchte, ein Lächeln zu erzwingen, doch Jonas durchschaute ihn.

„Nichts ist gut, oder?“

„Ich mache mir lediglich Sorgen um deine Mama. Sie fährt ja heute zu Oma und gibt ihr das Weihnachtsgeschenk“, sagte Philipp.

„Ich wäre auch gerne mitgefahren.“

„Das geht leider nicht. Du wärst nicht glücklich darüber, deine Oma so zu sehen.“

„Wie meinst du das?“

„Weißt du, deine Oma ist jetzt schon 80 Jahre alt. Ein stolzes Alter. Viele Sachen funktionieren nicht mehr so gut, wenn man alt ist. Du kennst doch Memory, oder?“ Philipp suchte verzweifelt nach einer Ausrede.

„Ja, ich liebe Memory!“

„Das weiß ich, mein Großer. Und gerade weil du es so liebst, wärst du nur traurig und gelangweilt, wenn du mit Oma spielen würdest. Im Alter kann man sich vieles nicht mehr so gut merken, verstehst du?“

„Ich denke schon“. Jonas wandte sich dem Feuer zu.

„Ich hab‘ dich lieb, Jonas.“

„Ich dich auch, Papa!“

Auch Philipp sah wieder den lodernden Flammen zu, wie sie den Abzug emporkletterten. Das Schauspiel aus Licht und Hitze faszinierte ihn.

Eine halbe Stunde war vergangen und allmählich wurde Philipp nervös. Anna kam immer früher nachhause, gerade bei wichtigen Anlässen. Sollte etwas mit ihrer Mutter passiert sein oder gar mit Anna selbst? Nein, diese Gedanken musste Philipp vertreiben. Dieses Weihnachtsfest war ohnehin nicht besonders schön gewesen, aber man sollte über den Tag nicht vor dem Abend urteilen. Sie würde bestimmt kommen. Oder? Philipp hielt es nicht mehr aus. Dann hörte er Jonas Magen.

„Du scheinst Hunger zu haben.“

„Ja, ich habe seit heute Morgen nichts mehr gegessen.“

„Oh Gott, dann wird’s aber Zeit! Ich wollte eigentlich auf Mama warten, aber wenn du schon so lange nichts mehr gegessen hast… Gehst du auch kurz zu Samuel und fragst ihn, ob er auch etwas möchte?“

„Mach‘ ich“. Jonas hüpfte vom Sofa und verschwand im Flur.

Als er die Treppen hochstieg ging er die Galerie entlang und schlich vorsichtig vor Samuels Zimmer. Er klopfte sehr leise und flüsterte: „Samuel? Ich bin’s Jonas. Ich soll dich fragen, ob du auch Hunger hast“. Es kam keine Antwort. Mit einem gehauchten Seufzer entfernte sich Jonas von der Zimmertür seines Bruders. Er stieg die Treppen herunter und ging wieder ins Wohnzimmer, wo sich sein Vater nach ihm umdrehte.

„Und?“

„Nichts. Keine Antwort.“

„Dieses Kind treibt mich noch in den Wahnsinn. Dann lass‘ ihn. Sein Pech, wenn er sich so quer stellt. Der wird da oben mit seinen ganzen Süßigkeiten schon nicht verhungern“. Philipp stand vom Sofa auf und ging etwas schläfrig in die Küche.

„So wie immer?“, rief er ins Wohnzimmer.

„Ja, bitte!“

‚Wie immer‘ waren bei den Derrendorfs gebratene Würstchen mit Sauerkraut – dies war ihre eigene Tradition. Während andere Familien ein Festmahl auftischten, schätzten sie lieber das Einfache.  Simpel aber lecker – das war der Grundgedanke.

Während Philipp das Öl in der Pfanne erhitzte und einen Kochtopf mit Fertigsauerkraut befüllte, kamen ihm immer wieder Gedanken an seine Frau. Noch 15 Minuten, dann wäre es fünf. Hielt ihre Mutter sie tatsächlich so lange auf? Sicher, die beiden hatten sich seit Ostern nicht mehr gesehen, da Anna oft auf Kur war, aber selbst dann, hätte Anna rechtzeitig einen Schlussstrich gezogen und sich von ihrer Mutter verabschiedet. Er legte die Würstchen ins Öl, das sofort zu zischen begann. Der Geruch verbreitete sich im ganzen Haus.

Noch sieben Minuten und Anna war noch immer nicht zuhause.

Philipp ertrug die Qual nicht länger und zog sein Smartphone aus der Hosentasche. Er entsperrte es und öffnete die App, die für das Telefonieren zuständig war. Er wählte die Nummer seiner Frau aus den Kontaktinformationen und wartete, dass sie annehmen würde. Sie ging nicht ran.

„Scheiße!“, flüsterte Philipp. Er wurde nervöser und panischer.

Dass Anna nicht ans Handy ging, konnte aber auch heißen, dass sie gerade im Auto ist und nicht annehmen kann. Philipp kam der rettende Gedanke. Sie wäre bestimmt gerade auf dem Heimweg und aufgrund des Schneefalls hätte sich ein Stau gebildet. Darum kam sie also noch nicht nachhause – sie stand im Stau! Philipp versuchte Gelassenheit vorzutäuschen, wenn nicht für sich selbst, so für das Wohlbefinden seines Sohnes.

Es war fünf und Anna war noch nicht zuhause. Philipp begegnete dieser Tatsache mit gemischten Gefühlen. Einerseits hatte er Panik, ihr könnte etwas zugestoßen sein und andererseits hoffte er, seine Frau würde lediglich im Stau stehen.

Die Würstchen und das Sauerkraut waren in der Zwischenzeit fertiggeworden und Philipp rief Jonas zum Essen. Er bestückte den Teller seines Sohnes reichlich, damit er sich sattessen konnte. Ihm selbst gab er wenig – er hatte gerade keinen Hunger. Er konnte gerade keinen Hunger haben. Nachdem beide ihr Essen hatten, begannen sie, es zu verspeisen.

„Du hast aber ganz schön Kohldampf!“, sagte Philipp mit einem erzwungenen Lachen.

„Ich will ja schließlich auch groß und stark werden!“

Philipp lächelten, ohne etwas zu sagen.

Schon viertel nach fünf. Anna war noch nicht da.

Als beide fertig gegessen hatten – Philipp musste sich förmlich dazu zwingen, zu essen – saßen beide geplättet in ihren Stühlen.

„Jetzt die Bescherung? Samuel wird wahrscheinlich auch darauf keine Lust haben, nehme ich an.“

„Oh ja!“

„Dann setze dich schon mal zum Baum, dann komme ich gleich wieder.“

Jonas sprang vom Stuhl auf und setzte sich neben den Baum auf den Boden.

8. Die Bescherung

Endlich war es soweit. Der Moment, auf den sich Jonas schon die ganze Zeit über gefreut hatte. Die Bescherung – jetzt würde es Geschenke geben. Er überlegte fieberhaft, was er denn bekommen würde. Das LEGO-Set? Das Videospiel? Er war gespannt und konnte nur mit großer Mühe still auf dem Boden sitzen bleiben.

Nach zwei endlosen Minuten kam sein Vater aus dem Keller mit zwei, in grünes und rotes Papier eingepackten Geschenken. Jonas Augen wurden groß und begierig sah er auf die Geschenke, die sein Vater vor ihn stellte.

„Wie es aussieht, warst du dieses Jahr sehr brav!“ Philipp zwinkerte Jonas zu.

„Das ist alles für mich?“, fragte Jonas erstaunt.

„Aber sicher doch!“

„Und was bekommt Samuel?“

„Sein Geschenk habe ich ihm vor die Tür gelegt. Der wird sich schon noch melden. Ach ja, bevor ich es vergesse…“, Philipp ging zur Kommode und nahm eine der Gutscheine. Ein wenig hatte er ein schlechtes Gewissen, da er es den ganzen Tag über versäumt hatte, Herrn Pietz für selbige zu danken. Vielleicht würde der Nachbar aber für seine Lage heute Verständnis haben und es ebenfalls begrüßen, wenn er sich morgen bedanken würde. Er wandte sich zurück zu seinem Sohn und überreichte ihm die Karte.

„Such‘ dir etwas Schönes aus, ja?“

„Ja, das mache ich! Dankeschön!“

Philipp und Jonas umarmten sich.

„Jetzt pack‘ aus!“

„Darf ich?“, fragte Jonas schüchtern.

„Ja natürlich. Es ist doch Bescherung!“

Vorsichtig zerriss Jonas das Papier und stieß einen Freudenschrei hervor, als er sein Geschenk erblickte.

„Du schenkst mir wirklich eine Switch?!“

„Warum denn nicht?“, lachte sein Vater. „Aber da ist ja noch eins“. Philipp deutete auf das kleinere Paket.

Etwas hastiger und begeistert von seinem tollen Geschenk packte Jonas das zweite Päckchen aus. Philipp grinste – es wirkte aufrichtiger als zuvor.

„Wow! Und ein Spiel dazu?! Vielen Dank, Papa!“

„Das hast du dir verdient, mein Großer!“

„Ich hab‘ dich so lieb!“, rief Jonas.

„Ich dich auch!“

„Wollen wir dann gleich in deinem Zimmer alles anschließen?“

„Ja, bitte!“

Kaum, als Jonas seinen Satz beendete klingelte es an der Tür. Philipps Herz schlug höher – seine Frau wäre endlich hier! Jetzt könnte es doch noch ein schönes Weihnachten werden. Hastig eilte er zur Tür und stolperte dabei fast über seine eigenen Beine. Auf dem Weg sagte er hektisch zu Jonas, „Mama ist da! Mama ist da!“ Mit zittrigen Händen öffnete er die Tür. Betäubt von seinem Glücksgefühl erkannte er nicht, wer vor ihm stand.

Es waren vier Personen. Zwei von ihnen waren Männer. Sie trugen dicke blaue Jacken und einen Gürtel mit seltsamen schwarzen Gegenständen. Die anderen waren zwei Frauen. Sie trugen schwarze Hosen und knallrote Jacken. Philipp wurde ängstlich. Wo war seine Frau? Sie sollte doch hier sein.

„Sind Sie Herr Philipp Derrendorf?“, fragte einer der zwei Herren. Philipp konnte die Aufschrift „Polizei“ auf ihren Jacken erkennen.

Er schwieg kurz. Für einen Moment hatte er keine Stimme mehr.

„J-ja, das bin ich“, stotterte Philipp.

„Hat Samuel etwas angestellt? Ist meiner Frau zu schnell gefahren?“, fragte Philipp panisch.

„Dürfen wir kurz reinkommen?“, fragte eine der beiden Frauen.

„S-sicher doch“. Philipps Knie waren butterweich. Es kam ihm vor, als würden sie ihren Dienst verweigern.

Die Gruppe betrat das Haus. Aus dem Wohnzimmer kam Jonas und fragte seinen Vater, warum sie so viel Besuch hätten.

„Hey, kleiner Mann“, einer der Polizeibeamten ging auf Jonas zu und ging vor ihm auf die Knie. „Würdest du uns kurz mit deinem Papa alleine lassen?“

Jonas sah zu seinem Vater, der nickte. Leise fügte er hinzu, „Geh‘ schonmal hoch. Ich komme gleich nach, dann installieren wir alles.“

Mit einem mulmigen Gefühl nahm Jonas die beiden ausgepackten Geschenke und trug sie die Treppe hoch. Als die vier Besucher und Philipp die Tür ins Schloss fallen hörten, begann ein Beamter, zu sprechen.

„Guten Abend“, sagte der Mann gedämpft. „Können wir vielleicht ins Wohnzimmer gehen?“

Ohne ein Wort zu sagen, ging Philipp durch die Tür, die den Flur mit dem Wohnzimmer verband.

„Möchten Sie sich vielleicht setzen?“, fragte eine der beiden Frauen.

Als sich Philipp aufs Sofa fallen ließ, schossen ihm alle möglichen Situationen durch den Kopf. Er wollte, dass gerade alle von ihnen wahrwerden, nur nicht die eine.

„Herr Derrendorf, tut mir leid, dass wir Sie heute Abend so überfallen, allerdings hätten wir Ihnen etwas mitzuteilen. Zunächst einmal: Mein Name ist Hacker und dass ist mein Kollege Kollner. Die beiden Damen haben wir mitgebracht, weil wir dachten, sie könnten Ihnen helfen.“

Eine der beiden Frauen in den roten Jacken übernahm: „Ich bin die Susanne und das hier ist Nicole. Es tut uns sehr leid, dass wir uns Ihnen so vorstellen müssen, aber wir kommen vom Kriseninterven…“

„Kriseninterventionsteam?“, stotterte Philipp. All seine schlimmsten Vorstellungen, von denen er hoffte, sie würden nicht wahrwerden, schienen einzutreffen. „Was ist mit meiner Frau? Wo ist Anna? Geht es ihr gut?“ Philipp wurde immer hysterischer.

„Wir haben die unangenehme Aufgabe, Ihnen mitzuteilen…“ Der Beamte Hacker hielt kurz inne.

„Ihnen mitzuteilen, dass ihre Frau tot in einem Autowrack außerhalb der Stadt gefunden wurde.“

Philipp war es, als hätte ihm ein Scharfschütze in den Kopf geschossen. Er war wie gelähmt. Nichts wollte funktionieren. Sein Kopf nickte nach vorne über, sodass er auf den Boden zwischen seinen Füßen sah. Seine Augen waren weit aufgerissen und er fing an zu schluchzen. Seine Atmung wurde hektischer. Susanne vom Kriseninterventionsteam strich ihre Hand tröstend über Philipps Rücken. Alles hätte er sich gerade sehnlicher gewünscht, als diese Nachricht zu erfahren, selbst wenn er selbst umgebracht worden wäre, es wäre besser als das, was sich gerade ereignete. Alle Personen schwiegen, außer Philipp. Dieser schrie laut auf, in der Hoffnung aus einem Traum aufzuwachen, in dem er gefangen war. Doch der Schmerz war real, die Anwesenheit der Polizisten und der beiden Frauen vom Kriseninterventionsteam war real, seine Tränen waren real und sein Schrei war real.

„Das ist nicht wahr oder? Anna hat das bestimmt nur inszeniert?!“

„Ich wünschte, es wäre so“. Der Beamte senkte seinen Blick.

Philipp keuchte. Er stand auf, den Blick weiterhin auf den Boden gerichtet.

„Wo wollen Sie hin?“, fragte Nicole und stand ebenfalls auf. Sie legte ihre Hand auf seine Schulter.

„Nach oben. Die Jungs sollten es auch erfahren.“

„Sind sie sich sicher?“, fragte Nicole besorgt.

„Sie werden es früher oder später sowieso erfahren müssen…“

Philipp löste sich von Nicole und ging langsam die Treppen hoch. Seine Atmung hatte sich etwas beruhigt. Von unten hörten die Beamten sein Klopfen an Jonas Zimmertür. Jonas öffnete die Tür und war geschockt, seinen Vater zu sehen. Noch nie hatte Jonas seinen Vater weinen sehen, vor allem nicht so extrem. Philipp ging vor ihm auf die Knie und sagte leise: „Jonas, kommst du bitte kurz runter. Wie müssen etwas Wichtiges besprechen.“

„Um was geht es denn?“ Jonas schaute ängstlich seinen Vater an.

„Das werden wir dir gleich sagen. Ich hole noch schnell Samuel.“

Er strich Jonas durchs Haar und führte ihn mit einer Handbewegung in Richtung Treppe. Danach ging er zur Tür nach rechts und klopfte leise an. „Samuel? Hörst du mich?“ Es kam wieder keine Reaktion. „Samuel! Verdammt!“ Philipp wurde lauter. Erneut kam keine Reaktion. „Du machst jetzt sofort diese verdammte Tür auf, oder ich schwöre, ich trete sie ein!“

Das Geschrei von Philipp brachte die Beamten in Alarmbereitschaft. Gemeinsam gingen sie die Treppenstufen hoch und sprachen auf ihn ein. Er solle sich beruhigen und versuchen, den Verstand zu bewahren, sagten sie.

„Wie lange ist Ihr Sohn denn jetzt schon in seinem Zimmer?“, fragte Kollner.

„Seit heute Morgen“, stotterte Philipp.

Die Beamten sahen sich gegenseitig zustimmend an.

„Wenn Ihr Sohn auch auf mehrmalige Zurufe nicht reagiert und seit heute Morgen hier eingesperrt ist, sollten wir das mit Sorge betrachten. Wenn es für Sie in Ordnung wäre, würden wir die Tür aufbrechen.“

Philipp nickte und einer der Beamten ging mit ihm ein paar Schritte zurück. Der zweite hatte sich indes bereit gemacht, die Tür einzutreten. Er verlagerte sein Gewicht auf das linke Bein, winkelte das rechte an und stieß zu. Die Tür brach auf und Philipp sah erneut etwas, was er nicht sehen wollte. Den umgekippten Kleiderschrank, der von einer Blutlache umgeben war. Von der verwüsteten Holzkonstruktion stand Samuels Arm ab, der schon ganz gelb und blass war.

Philipp wusste nicht mehr, was danach geschah, da er nichts mehr wahrnehmen konnte und auf dem Boden zusammenbrach.

9. Frohes neues Jahr

Sieben Tage waren vergangen und Philipp konnte aus dem Krankenhaus entlassen werden. Nachdem er an Heiligabend einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte und beim Anblick seines toten Sohnes in Ohnmacht fiel, wurde er ins hiesige Krankenhaus eingeliefert. Trotzdem sich sein Zustand schon am nächsten Morgen besserte, wollten die Ärzte ihn zur Beobachtung stationär aufnehmen, um mögliche Folgen einer Posttraumatischen Belastungsstörung sofort behandeln zu können. Jonas wurde indes zu Philipps Eltern gebracht, die sich um den Jungen kümmerten. An Heiligabend, als die Polizeibeamten zusammen mit dem Kriseninterventionsteam die Todesnachricht überbrachten und Philipp zusammenbrach, wurde dem Jungen vorerst nicht mitgeteilt, was geschehen war. Man erzählte ihm, sein Vater hätte heute viel Stress mit dem Weihnachtsfest gehabt und wäre deswegen umgekippt. Erst am nächsten Tag unterrichteten Nicole und Susanne Jonas vom Tod seines Bruders und seiner Mutter. Obwohl Jonas sehr heftig darauf reagierte und stark weinte, entwickelte sich der Junge in eine positive Richtung und er wusste, mit seiner Trauer umzugehen. Dafür wurde Jonas von den Beamten und den beiden Sanitäterinnen viel Respekt entgegengebracht.

Mittlerweile war es nun Sylvester und ein furchtbares Jahr konnte endlich seinen Abschluss finden. Philipp nahm sich ein Taxi und fuhr nachhause. Während der Fahrt war er sehr still und nachdenklich. Als ihn das Taxi zuhause absetzte und er gezahlt hatte, öffnete er die Tür, die zu seiner Überraschung nicht abgeschlossen war. Als er sein Haus betrat empfing ihn Jonas, der auf ihn zustürmte und ihn fest in den Arm nahm.

„Ich hab‘ dich so vermisst, Papa!“

Philipp fing, wie Jonas, an, zu weinen. Sie umarmten sich lange und innig. Philipps Eltern beobachteten die Wiedervereinigung vom Absatz der Treppe aus.

„Da bist du ja wieder, Philipp!“ Seine Mutter kam auf ihn zu und gab ihm einen Kuss. Philipps Vater ging langsam zu seinem Sohn und klopfte ihm kräftig auf den Rücken.

„Mama, Papa! Schön, dass ihr da seid!“

„Wir freuen uns auch, dass es dir wieder besser geht.“

„Jetzt sind wir wieder alle beisammen!“, sagte Jonas freudig.

„Allerdings, mein Großer!“, entgegnete Philipp.

„Und? Was haben die Ärzte gesagt?“, fragte Philipps Mutter besorgt.

„Sie haben gesagt, ich hätte mich gut von dem Schock erholt und dass mein Verlauf sehr gut war. Ich kann also weitermachen!“

„Wir haben dich so lieb!“ Philipp, seine Eltern und Jonas umamrten sich. Dabei fiel es allen schwer, die Tränen zu unterdrücken.

Nachdem sie sich voneinander gelöst hatten, deutete Philipp auf die Treppe und wollte, zusammen mit seinem Koffer, diese nach oben steigen. Seine Mutter hielt ihn auf.

„Philipp, mein Junge, wir haben dein Zimmer ins Erdgeschoss verlegen lassen. Es tut mir leid, dich damit so zu überrumpeln, aber die beiden Sanitäterinnen vom Kriseninterventionsteam meinten, es wäre das Beste, wenn du dich vorerst von Samuels Zimmer fernhältst. Du weißt schon, wegen der Gefahr einer PTBS.“

„Danke, Mama“, sagte Philipp mit einem leichten Lächeln.

„Danke wofür?“

„Dass du dich so um mich kümmerst.“

„Ach, das ist doch selbstverständlich. Ich hab‘ dich lieb, Philipp.“

„Ich dich auch.“

„Ist es in Ordnung, wenn ich ein wenig Zeit für mich haben kann?“, fragte Philipp. „Ich würde gerne erstmal wieder zuhause ankommen und mich eingewöhnen.“

„Aber natürlich“, sagte die Mutter ermutigend. „Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst.“

„Danke. Wo ist jetzt eigentlich mein Zimmer, Mama?“

„Es ist das Gästezimmer, das so lange leer stand. Wir haben deine Schlafzimmermöbel dorthin verlegen lassen. Es dürfte also alles fast genauso aussehen wie zuvor.“

„Danke, Mama.“ Philipp nahm seinen Koffer und ging vorbei an dem Wohnzimmer und an der Küche zu seinem Zimmer. Als er die Tür öffnete, war er positiv überrascht. Es sah tatsächlich alles so aus, wie er sein Zimmer hinterlassen hatte. Er schloss die Tür und sperrte sie hinter sich zu – er brauchte jetzt seine Ruhe und wollte in seinem eigenen Bett schlafen.

Am späten Abend kam er aus seinem Zimmer. Er hatte noch nie so gut geschlafen, so dachte er und schlenderte durch die Diele. Im Wohnzimmer waren seine Eltern und Jonas. Sie sahen Philipp freudig an und fragten ihn, ob er denn später mit nach draußen möchte, um das Feuerwerk anzusehen. Jonas würde nicht mitkommen wollen, da er sich vor den lauten Geräuschen fürchtete. Er würde lieber in seinem Bett bleiben und ins neue Jahr reinschlafen. Jonas lächelte peinlich berührt. Philipp lächelte zurück.

„Ich glaube, ich bleibe auch lieber daheim. Ich brauche noch ein bisschen Zeit und das Feuerwerk kann ich ja auch von drinnen ansehen.“

„Wie du meinst“, sagte sein Vater und lächelte ihn an.

„Ist es okay, wenn ich dann wieder in mein Zimmer gehe?“

„Natürlich, mein Schatz. Aber ich fürchte, wir werden uns morgen nicht mehr sehen. Dein Vater und ich wollen dich nämlich nicht zu sehr bevormunden. Wir würden dann heute Abend noch den kleinen Jonas ins Bett bringen und dann nachhause fahren. Ist das in Ordnung?“

„Das ist in Ordnung, Mama. Danke für alles, was ihr für mich und Jonas getan habt.“

„Das war doch selbstverständlich!“, sagte der Vater freudig.

„Wir haben dich so lieb!“, erwiderte die Mutter.

Philipp und seine Eltern umarmten sich. Die Mutter gab Philipp noch einen Kuss auf die Wange und der Vater klopfte, wie gewohnt, auf seine Schulter. Anschließend ging Philipp zu Jonas.

„Ist es auch für dich in Ordnung, wenn dich heute Abend Oma und Opa ins Bett bringen?“

„Ja Papa, mach dir darum keine Sorgen.“

„Ich bin stolz auf dich. Du weißt gar nicht, wie lieb ich dich hab‘!“

Die beiden umarmten sich. „Gute Nacht, Papa.“

„Nacht, mein Großer.“

Philipp ging lächelnd aus dem Wohnzimmer und wanderte die Diele entlang zu seinem Zimmer. Er öffnete die Tür, schloss sie hinter sich und legte sich sogleich in sein Bett, woraufhin er sofort einschlief.

Philipps Eltern machten sich wenige Minuten später daran, Jonas ins Bett zu bringen. Sie begleiteten ihn ins Zimmer und verabschiedeten sich von Jonas, der jetzt wieder zusammen mit seinem Vater leben sollte. Beide gaben ihrem Enkel einen Gutenachtkuss und sie gingen aus dem Zimmer. Als sie auf der Galerie standen, ging eine unheimliche Atmosphäre von Samuels Zimmer aus. Wo vor einigen Tagen noch der Kleiderschrank, Samuels Leiche und die Blutlache waren, war nun alles wie verschwunden, was die Situation nicht weniger bedrückend machte.

Leise stiegen Philipps Eltern die Treppe herunter, sahen sich ein letztes Mal um und gingen aus dem Haus. Die Tür schlossen sie fast unhörbar hinter sich.

10. Epilog

Jonas konnte nicht schlafen, weil ihn der Lärm der Raketen aufweckte. Da er sich vor selbigen fürchtete, beschloss er, zu seinem Vater zu gehen. Dann würde er nicht mehr so viel Angst haben. Leise stieg er aus dem Bett und sah sich in seinem dunklen Zimmer um. Die Switch, die er zu Weihnachten bekommen hatte, stand auf dem weißen Fernsehtisch gegenüber des Bettes. Barfuß tappste er über den kühlen Holzboden und öffnete vorsichtig die Tür.

Wieder ein Knall. Jonas erschrak, doch die Sicherheit, die er bei seinem Vater erfahren würde, ermutigte ihn, sich weiter aus dem Zimmer zu schleichen. Er blickte von seinem Türspalt aus in die Eingangshalle. Der Eingang ihres Hauses erstreckte sich über zwei Etagen bis zum Dach hinauf, sodass man von der Galerie aus auf die Haustür blicken konnte. Es war stockdunkel. Jonas, der von seiner Zimmertür aus nur spärlich in die Halle blicken konnte, hielt kurz inne. Schon wieder ein Knall und Jonas erschrak. Dadurch, dass oberhalb des Dachansatzes zwei Fenster eingelassen waren, kam bei jeder Explosion eines Feuerwerkskörpers eine Mischung aus grünem, gelbem und rotem Licht in die Eingangshalle. Es sah gespenstisch aus.

Jonas packte all seinen Mut zusammen und ging weiter die Galerie entlang, bis er gegenüber der Haustür stand. Er konnte wenig erkennen. Nur Schwarz. Überall Schwarz. Erneut ein Knall und erneut wurde die Eingangshalle für einen Moment in ein gespenstisches Licht gehüllt. Doch dieses Mal erschreckte Jonas nicht der Knall, als vielmehr der Schatten eines Menschen, der an die linke Wand projiziert wurde. Ein Mensch, der an einem Seil hing und kaum merklich hin und her schwang. Jonas traute seinen Augen nicht. Ein weiterer Knall und das Licht gab ihm Recht. Der grausige Schatten konnte nur von einer Person kommen.

Seinem Vater.

Er fiel auf die Knie und schrie.