1. Alltag
Herr M, Bibliothekar einer aufstrebenden Kleinstadt, war glücklich. Heute wurde er von seinem Kollegen – man muss wissen, Herr M. ist nicht gerade eine Person, die man als sehr extrovertiert oder beliebt bezeichnen würde – eingeladen. Die Worte seines Kollegen schwirrten wie ein Phantom in Ms Kopf herum. Hättest du heute Lust, in den Gasthof mitzugehen? Immer und immer wieder sagte er sich diesen Satz gedanklich vor und während er dies tat, bemerkte so manch ein Passant ein verstörendes, abschreckendes aber auch unbeholfenes Lächeln, das sich auf Ms Gesicht bildete. Herr M war nun mal einfach glücklich. Es könne den anderen ja egal sein. „Die wissen die kleinen Dinge nicht zu schätzen!“, sagte sich M in solchen Momenten. Er bog in die nächste Straße. Seine Straße. Hier lebte M seit seiner Kindheit, seiner zwar nicht leichten aber dennoch schönen Kindheit. Es kam ihm vor, als wäre er eben erst beim nächstgelegenen Lädchen Süßigkeiten kaufen gegangen, woraufhin er immer stolz seinen Eltern die große „Ausbeute“ präsentierte. Gerne dachte M an diese schönen Tage zurück, welche ihm nah und doch fern vorkamen. „Verdammt, sieht nach Regen aus!“, sagte er und erschrak, als er den erhofften Zuspruch von Passanten in der menschenleeren Straße nicht hören konnte. Von dieser Pein ließ er sich jedoch nicht beirren und ging munter weiter die Straße entlang, Richtung Zuhause.
Was soll ich denn bloß anziehen? Fragte sich Herr M mit verunsichertem Gesicht. Ob man da im Anzug hingeht? Ob ich ein Gastgeschenk mitbringen soll?
Diese Fragen verhallten in seinem Kopf, als er wenig später deren Nichtigkeit erkannte. Wie sagten seine Eltern doch immer, man solle nie sein Äußeres vor sein Inneres stellen. „Weise Worte, Mama“, murmelte er vor sich hin. Herr M wühlte in seiner Jackentasche, während er weiter auf den hässlichen Ziegelbau, den er sein Heim nennen durfte hinsteuerte. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit bis M den Schlüssel fand, da dieser unter Bonbon-Papier, In-Ear-Plugs und Kleingeld – Ms Manteltaschen hatten ein unglaubliches Fassungsvermögen – begraben war. „Mensch, die muss ich auch mal ausleeren!“, zischte Herr M etwas genervt. Wenige Sekunden später hatte er auch schon sein Ziel erreicht, einen sanierungsbedürftigen Ziegelbau aus den 50ern, also zumindest 30 Quadratmeter davon. Die Miete war nun mal einfach günstig und auf Geld kommt es ja sowieso nicht wirklich an, ist einer der Sätze, mit denen M versucht, seine eigenen Illusionen eines glücklichen Lebens aufrechtzuerhalten. Er steckte den Schlüssel ins Schloss, drehte diesen um, und… Die Tür klemmte. Wie immer. Auf ein Neues, und tatsächlich, beim zweiten Mal ging die Tür auf. Wie immer.
Hinter der Eingangstür war nichts Besonderes; ein altes Fahrrad des Nachbarn, die rostigen Briefkästen, die Schimmelflecken an den bröckelnden Wänden und der Gestank nach Urin. Es war eben alles wie immer. Herr M wandte sich zu seiner Linken, wo sich die Briefkästen befanden. Ein wenig beschämt blickte er auf das vergilbte Namensschild, wo in verblichenen Lettern sein Name, mit ein wenig Anstrengungen, zu lesen war. Daraufhin drehte sich M wieder in Richtung des Treppenhauses, welches am anderen Ende des „Foyers“ lag. Mit langsamen Schritten und einer angestrengten Atmung stieg M die knarrenden Stufen empor, rauf in den dritten Stock. Vor seiner Tür angekommen, zückte Herr M erneut sein Schlüsselbund und probierte, er war recht vergesslich, nach und nach alle Schlüssel aus, die einen etwaigen Erfolg garantieren würden. Der erste war es nicht, der zweite war es nicht, der dritte war es nicht und der vierte war es auch nicht. Erst beim fünften Schlüssel konnte M das Schloss entriegeln und die Tür zu seinen bescheidenen vier Wänden öffnen.
Es war eine gemütliche kleine Wohnung. Herr M, der durchaus einen guten Geschmack besaß, hatte sie nett eingerichtet. Ein Zimmer, KDB; Alles was man eben zum Leben (allein) brauchte. Mit einem Blick, der in gewisser Weise Stolz auszudrücken vermochte, schaute er sich in seinem Wohn- und Schlafzimmer um. Wie viele ruhige Stunden hatte er hier verbracht, wie viele schöne Erinnerungen an seine Kindheit sind hier behaftet und wie viele Leute diese Wände haben kommen und gehen sehen. Ehrfürchtig nahm M seinen schäbigen Hut ab und entledigte sich daraufhin seines Mantels. M hob seinen linken Arm und blickte auf seine Armbanduhr. „Schon so spät!? Ich muss mich noch frisch machen! In zwei Stunden werde ich auch schon abgeholt!“, krächzte M. Hektisch ging er zum kleinen Fenster und zog den Vorhang zu, man könnte ja beobachtet werden. Er drehte sich zu der Wohnungstür um, prüfte diese mit einem kritischen Blick und ging zu ihr, um an ihr zu rütteln, damit er sich wirklich sicher sein konnte, dass sie auch ordnungsgemäß abgeschlossen wurde. Woher dieser Tic kommt, weiß Herr M selbst nicht. Es hatte sich einfach entwickelt. Sich in Sicherheit fühlend, knüpfte M. sein, zugegeben nicht mehr allzu weißes Hemd auf. Das Unterhemd folgte kurz darauf. Hose, Unterhose, Socken, alles zog er aus und suchte nach frischen Klamotten, die er für das Treffen anziehen könnte. Er hielt kurz inne, roch an seinen Achseln und verkniff das Gesicht. Er könnte mal wieder duschen gehen, aber das würde seine Wasserrechnung nur unnötig in die Höhe treiben, weswegen er beschloss, seinen Körpergeruch später mit Deo zu überdecken.
Frisches Hemd, Unterhemd, frische Socken, eine frische Hose und eine nicht mehr ganz so frische Unterhose fischte M aus seinem Kleiderschrank und zog sich diese auch sogleich an. Diese Prozedur dauerte allerdings etwas länger, da M, welcher gerne den Sportunterricht schwänzte, bereits vom Ausziehen seiner Kleider und vom Treppensteigen geschwächt war. So kam es, dass der ganze Prozess, des Kleiderwechselns eine Stunde in Anspruch nahm.
Immer noch eine Stunde über. Wo bleibt eigentlich Leo?
M ging ins Badezimmer. Nichts zu sehen. Als nächstes die Küche. Nichts, doch ein Laut ließ Herrn M aufhorchen. Mit schwächelnden Schritten tappte er zu dem Küchenschrank und als er ihn öffnete, fand er ihn. Leo, seinen geliebten Hund und seinen einzigen Freund.
Wie sehr Herr M doch sein geliebtes Haustier vergötterte. Wie oft hatte es ihm schon zugehört, wenn er ihm all sein Leid klagte und wie viele schöne Momente hatten sie verbracht. Sie sind wahrlich durch Dick und Dünn gegangen. Sie waren eben die besten Freunde, auch nach 7 Jahren! Leo war durchaus ein hübsches Exemplar seiner Rasse, ein schöner Yorkshire Terrier, gesund gebaut und mit ein paar kräftigen Lungen. Dies ist auch mitunter Herr Ms verdienst, da er seinem Kleinen immer nur das beste Futter kaufte und mit ihm in jeder freien Minute spazieren ging, oder mit ihm in seiner Wohnung spielte. Mit funkelnden, aufgeregten Augen sah Herr M das Tier an, und als er seinem besten Freund so gegenüberstand, beziehungsweise kniete, überkam ihn ein Gefühl von unendlicher Wärme. Leo vereint all das, was er sich je gewünscht und nicht bekommen hatte: Die Ehefrau, die ihn zuhause fröhlich erwartete und mit der er über Gott und die Welt reden konnte; die Kinder, mit denen er spielen konnte und deren lebhaftes Lachen, die alte Hütte hätten erfüllen sollen; und schließlich natürlich noch seinen besten Freund, den Herr M nie gefunden hatte; all das repräsentiert von einem Hund. M nahm seinen Hund liebevoll in den Arm und hauchte ihm leicht ins Ohr: „Ich bin froh, dass ich dich habe“. Dies war nicht mal übertrieben, das war nichts als die Wahrheit in ihrer reinsten Form! Langsam ließ er von dem kleinen Tier und schaute in den Küchenschrank. „Ich muss unbedingt wieder Futter für dich kaufen! In der Packung ist nur noch genug für zwei Portionen. Das werde ich morgen Vormittag erledigen“, sagte er zu sich und zu seinem Hund.
Erneut blickte er auf seine Armbanduhr: „Noch 15 Minuten? Durch das ganze Schwadronieren scheine ich völlige die Zeit vergessen zu haben!“. Wie aus dem Tiefschlaf gerissen, weiteten sich Herr Ms Augen; bald würde sein Kollege eintreffen, der ihn mit zu der Runde im Gasthof mitnehmen würde. Endlich hatte er es geschafft. Endlich würde er dazugehören! Herr M hatte beschlossen, es sich auf seinem Sofa gemütlich zu machen, um ein bisschen herunterzukommen, da selbst er es für ziemlich schräg hielt, wenn er vor seinen neuen Kumpels ein riesiges Theater machen würde, „nur“, weil sie ihn eingeladen hatten. So saß er zusammen mit Leo auf seinem Sofa und wartete geduldig in einer meditativen Stille die restliche viertel Stunde ab. Nach 20 Minuten schaute Herr M ein weiteres Mal auf die Uhr; Ob sie sich verspätet haben, oder im Stau stehen?
Und er wartete weiter. Nach einer weiteren viertel Sunde wagte er erneut einen Blick auf seine Uhr; Sie würden bestimmt bald kommen, dachte M, immerhin wurde er ja von seinem Kollegen höchstpersönlich eingeladen. Nach zehn Minuten hatte sich der aufrecht sitzende – auf seinen Rücken muss man ja achten – Herr M in einen zusammengefallenen, gebrochenen Mann verwandelt. Habe man ihn tatsächlich versetzt? Warum würde man ihm so etwas antun? Er hat doch nie jemanden persönlich angegriffen oder jemanden gar beleidigt. Ganz im Gegenteil; er war es, der jedem zum Geburtstag und zum Hochzeitstag gratulierte oder Beileidsbekundungen ausdrückte, sobald es einen Todesfall gab. Offenbar war all dies nichts wert. Herr M schaute gen Boden und sah ihn nicht, er sah nur den größer werdenden Fleck auf dem – ihm als Parkett vorgegaukelten – Boden, der durch seine Tränen zunehmend wuchs.
2. Wünsche
Herr M war todtraurig. Man hatte ihn versetzt. Man hasste ihn. Man wollte mit ihm nichts zu tun haben. Er war wertlos und seine Existenz bedeutungslos. Mit wässrigen Augen blickte er zu Leo, der keine Sekunde von ihm wich. „Wenigstens habe ich dich!“ stotterte Herr M. „Wenn ich doch nur wie du sein könnte, dann könnte ich dich verstehen, die Welt mit deinen Augen sehen!“ Herr M liebte sein Haustier; und dieses Tier war sein einziger Freund.
Es war nun schon dunkel geworden und das silbrige und klare Mondlicht, dass durch das kleine Fenster schien, gab dem Schlaf- und Wohnzimmer von M eine gespenstische und mystische Atmosphäre. Herr M saß wie zusammengefaltet in seinem Sofa, Leo – zu seiner Rechten – hatte sich an ihn geschmiegt und schlief ruhig mit einer regelmäßigen Atmung. Herr M war wach. Hellwach. Obwohl seine Augen brannten und wie ausgetrocknet waren, konnte er die Augen nicht zumachen. Man müsse der harten Wahrheit ins Gesicht gesehen, auch wenn man dies nicht will. Langsam blickte er an seinem Körper hinunter. Sein Blick schweifte von seinen Knien nach rechts zu Leo und er beobachtete wie hypnotisiert den Hund beim Schlafen. „Leo… Ach, Leo. Ich wäre gerne wie du“, flüsterte M. Seine Worte verhallten in der Leere seiner Wohnung. Und mit der zunehmenden Einsamkeit in sich, wurde M immer trauriger.
Der nächste Tag. M, völlig übermüdet, stand mit krachenden Knochen von seinem Sofa auf. Hatte er wirklich so die ganze Nacht verbracht? Ist ja auch egal, jetzt musste erstmal der Hund etwas essen. Das arme Tier hatte ja nichts zu Abendessen bekommen. Das müsste man ausgleichen, Leo kriegt dafür die doppelte Portion!beschloss Herr M. Er ging mit schweren Schritten in die kleine Küche, beugte sich zu dem Küchenschrank, in dem er Leo gestern gefunden hatte und kramte die Packung mit dem Hundefutter aus.
Verdammt, ich wollte ja heute noch einkaufen gehen! Aber das Geld reicht einfach nicht! Wir haben erst den Fünfzehnten und Zahltag ist erst in einem halben Monat!
Von dieser Tatsache unbeirrt schüttete M. alles in den grünen Plastiknapf. Leo würde sich über sein doppeltes Frühstück sicher freuen, habe er es sich für seine Loyalität doch mehr als verdient. Ms Magen knurrte. Mit getrübten Blick steuerte auf den Kühlschrank zu und öffnete ihn.
Gähnende Leere. Außer ein paar schimmliger Lebensmittel und einem angebissenen Käsebrot fand sich nichts, das Herr M hätte essen können. „Das Brot sieht auch nicht mehr so gut aus…“, seufzte er und schloss die Kühlschranktür mit einem schwachen Hieb. Mitleidig erinnerte sich Herr M an die vergangene Nacht und seine Zeit mit Leo. Leo, der immer zu ihm hält.
Was hatte er doch gleich gesagt? Er wollte wie Leo, ein Hund werden, damit er ihn verstehen könne.
Ein Hund müsste man sein. Die werden immer geliebt und beachtet; egal, was sie machen, jeder liebt Hunde.
Ms Magen gab nun Geräusche von sich, die sich eher nach einer Kampfansage anhörten, immerhin hat er ja seit gestern in der Früh nichts mehr gegessen, wegen: Geldprobleme.
Ob es Leo stört, wenn ich mir etwas von ihm nehme? Nur ein, zwei Happen, mehr nicht, grübelte M. und blickte sehnsüchtig auf die vorhandene Nahrungsquelle.
Der Hunger hatte gesiegt und mit starrem Blick lief er dem Futternapf entgegen. Dort angekommen, kniete er sich auf den Boden, nahm eine Hand voll und… aß. Mit großem Genuss. Mit Leidenschaft. Ob der Hunger aus ihm sprach oder nicht, aber das Gefühl, etwas im Magen zu haben befriedigte Herrn M ungemein. Ein wahrer Hund würde aber nicht so essen, hallte es in seinem Kopf.
Du weißt doch, wie es geht. Du hast es ja oft genug beobachten können, Herr M blickte in seiner Wohnung umher. Erst vergewissernd zur Tür und anschließend zu den Vorhängen. Letztere waren noch geöffnet, weshalb M schnell aufsprang – sofern es seine Kraft erlaubte – und diese schnell vor das Fenster zog. Vom Fenster aus konnte M auf sein Sofa blicken, wo Leo immer noch fest schlief. Mit großen Augen bewunderte er den Vierbeiner und ging auf Zehenspitzen zurück zu dem Futternapf.
Ich möchte nur kurz probieren, flüsterte er bis zur Unhörbarkeit.
Am Futternapf wieder angekommen, schaute er gierig auf dessen Inhalt. Das Futter sah aus wie leckere Frühstücksflocken, die nur darauf warteten gegessen zu werden. Langsam beugte er sich über den Napf. Er öffnete den Mund und fraß.
Vielleicht kann ich doch ein Hund werden! Ich würde alles tun, um bei meinem Leo zu sein,dachte er euphorisch. Er überlegte weiter: Was tun Hunde außerdem? Sie gehen auf allen Vieren; das lässt sich einrichten. Sie hecheln; auch das wird kein Problem sein. Sie tragen keine Kleidung…
Herr M schaute auf. Zuerst der Blick zur Tür und danach zum Fenster. Alles sicher. So entledigte sich Herr M nach und nach seiner Kleidung, bis er nackt auf dem Boden herumkroch. Ein Schritt näher am Hundedasein! M.s Augen, noch rot vom Schlafmangel, zitterten vor Freude. Er kam seinem Ziel näher, wie sein bester Freund zu sein. Die auf dem Boden verteilten Klamotten packte Herr M und warf sie auf den Kleiderschrank. Ab jetzt würde er nur noch auf Knien gehen, wie es Hunde tun. Ab jetzt wollte er kein Mensch mehr sein und warf seine Existenz, zusammen mit den Klamotten, weg. Herr M kroch zu Leo, den er mit seiner linken Hand zu streicheln begann. Dieser öffnete langsam die Augen und schaute sein Herrchen mit seinen großen Augen an. Ach, diese Augen sind wahrhaft das Tor zur Seele und ihr Anblick ist nahezu fesselnd. Sein Kopf wandte sich langsam in Richtung des Napfes, M folgte den Blicken. Er musste feststellen, dass der Napf leer war.
3. Tragödie
Was sollte er jetzt nur tun? Es befand sich nichts mehr zu Essen im Haus und Geld hatte er nach Zahlung der Miete auch keins mehr. Herr M verzweifelte für einen kurzen Moment, doch dann kam die Ruhe in ihm durch; man würde das schon irgendwie schaukeln. Er blickte wieder zu Leo, der Hund blickte zurück. Beide schauten sich ruhig in die Augen. „Leo, wollen wir Fangen spielen?“, fragte Herr M sein Haustier. Dieses reagierte mit einem leichten heben des Kopfes, den es offensichtlich – noch leicht verschlafen – widerwillig und erschöpft bewegte. Aber, da Leo ein guter Gefährte sein wollte, sprang er vom Sofa und bäumte sich auf. M tat es ihm gleich. Einen kurzen Moment verharrten die beiden in absoluter Stille und als hätten sie es zuvor geprobt, liefen beide gleichzeitig los, um das kleine Sofa herum. Es machte Herrn M sichtlich Spaß, da er mehrmals, während des „Laufens“ rief, dieses Hundeleben sei wirklich einwandfrei.
So tobten sich Leo und sein Herrchen den Vormittag über aus, bis ein lautes Geräusch aus der Bauchregion den Spaß abrupt beendete. Diesmal kam der Laut aber nicht von Herrn M, sondern von Leo aus. Immerhin hat der Hund kein Frühstück gehabt – M hat es aufgegessen – und sich jetzt auch noch ausgetobt. Herr M sah seinen Freund mitleidig an und fragte ihn, ob er es noch aushalten könne. Winselnd ließ der Hund etwas, das wie in Jaklang, von sich vernehmen und legte sich ermüdet auf den Boden. „Ich kann leider nicht einkaufen! Da ich ein Hund bin, würden die mich sofort rauswerfen! Außerdem komme ich nicht an meine Schlüssel…“
Herr M ist, so spricht er es auch von sich auch aus, kein Mensch mehr, sondern ist zu einem Hund geworden. Einem nackten, großen, stinkenden und hässlichen Hund.
Es war Abend geworden und wie am Freitag auch, schien der Mond in seinem schönsten weißen Licht durch das Fenster. Leo, noch immer hungernd, hatte es sich mittlerweile wieder auf dem Sofa bequem gemacht, während Herr M sein Körbchen bewohnte. Das kam ihm auch nicht seltsam vor, immerhin war er ja selbst ein Hund, und Hunde pflegen es, in ihren Körbchen zu schlafen. Wenige Minuten später schlossen Leo und Herr M die Augen und schliefen, mehr oder weniger, tief und fest. Die nächtliche Stille sollte nur von Leos knurrendem Magen ab und zu durchbrochen werden.
Sonntagmorgen: Herr M macht die Augen auf und sah sich von seiner neuen, und ihm doch vertraut vorkommenden Position aus, um.
Es war zwar ein bisschen Kalt, aber das soll ja auch gut für den Körper sein, wenn man ein kleines Wechselspiel zwischen Warm und Kalt hat, dachte er.
Da alle Vorräte aufgebraucht waren, ging Herr M diesmal nicht in die Küche – er wusste, dass nichts mehr da war – sondern direkt zu Leo.
Leo gab furchtbare Laute von sich, immerhin hat der Hund seit Tagen nichts gegessen, und sein Gesicht zeigte dies deutlich. Herr M. musste schockiert zusehen, wie sein bester Freund leiden musste. Er hob seine Hand und legte sie auf Leos Kopf. Dieser öffnete langsam und vorsichtig die Augen. Er blickte in das verzweifelte Gesicht eines Mannes, der nackt auf dem Boden kriechend und Hundefutter essend, so tut, als ob er wie er selbst wäre. Leo hob den Kopf, und versuchte mit all seiner übrig gebliebenen Kraft seinem Herrchen etwas, wie Wieso tust du dir selbst sowas an, zu sagen. Doch er brachte keinen Laut heraus. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als den Menschen machen zu lassen, der ihn (un)willentlich verhungern ließ.
„Du musst bestimme Hunger haben, oder? Wir haben zwar nichts mehr aber du hast ja noch mich, als deinen Freund!“ Herr M schaute aufgeregt seinen liebsten Hund an, während dieser geschwächt zurückschaute.
Leos knurren wurde immer schlimmer und der Hund winselte so stark, dass selbst das verschlossenste Herz hier vor Mitleid hätte zerspringen müssen. M lächelte weiter angestrengt seinen kleinen Freund an. Daraufhin wandte er sich von ihm ab und kroch in Richtung Küche. Dort angekommen streckte er sich ein bisschen – es war nicht viel nötig –, er öffnete die Schublade und zog ein Messer heraus.
Leo horchte auf. Hatte er etwa gerade einen Schrei gehört? Aufmerksam hielt er seinen Kopf angestrengt oben und beobachtete konzentriert seine Umgebung. Er blickte nach links, wo er das leise Geräusch des knarrenden Bodens hörte, wenn sein Herrchen über diesen kroch. Und tatsächlich, Herr M kam ins Wohnzimmer, allerdings mit einer Veränderung. An seiner rechten Hand war irgendetwas…
Herr M näherte sich seinem verängstigen Hund und hob seinen rechten Arm.
Leo erblickte eine blutüberströmte Hand mit vier Fingern. Der kleine Finger, der an seiner Hand fehlte, hielt M in der anderen Hand fest umklammert. Herr M senkte seinen rechten Arm, um sich auf ihn stützen zu können und den linken heben zu können. Er öffnete seine Hand und präsentierte ihm sein abgetrenntes Fingerglied. „Ich sagte doch, du hast ja noch mich! Und wenn ich dir so etwas Gutes tun kann, dann bin ich auf dieser Welt wenigstens zu irgendetwas zu gebrauchen!“
Leo stand die Angst ins Gesicht geschrieben und aus dem einstmals so ruhigem Lebewesen wurde ein verstörtes Tier. Was sollte er bloß tun? Sollte er sein Herrchen zurechtweisen? Da kam wieder das Knurren in ihm auf. Fressen oder nicht fressen? Leben oder sterben? All dies raste durch seinen Kopf, während ihm der Magen unterhalb weiterhin zusetzte.
Sehr langsam und sehr vorsichtig näherte sich Leos Kopf Ms Handfläche, auf der sein Finger lag. Er roch an diesem, atmete durch, und…
biss zu.
Herr M lächelte seinen Hund an. „Das hast du fein gemacht! Möchtest du mehr?“ Sein einstmals bester Freund ist seiner Natur verfallen: Fressen oder gefressen werden. Leben oder sterben!
„Du kriegst so viel du willst“, sagte Herr M lächelnd und hob langsam das Messer. Fest umschlossen mit der linken und der blutigen rechten Hand. Er verharrte in dieser Position, sagte „Ich habe dich immer über alles geliebt“ und stach zu.
Herr M sackte zu Boden und Leo, der nun nur noch vom Hunger getrieben war, stürzte sich auf ihn. Er alleine könne dies zwar nicht alles aufessen, da er ein sehr kleiner Hund war, aber man könne sich ja die Nahrung einteilen. Ein letztes Mal blickte Leo in das Gesicht seines Herrchens, das vor Überzeugung strotzte. Immerhin hat er endlich mal etwas Sinnvolles getan.
Man sollte drei Monate später in der Wohnung von Herrn M seine verrottete Leiche und einen verhungerten Hund aufgefunden haben. Die Reste schienen das warme Wetter nicht unbeschadet überstanden zu haben und der Hund vergiftete sich wohl an Salmonellen.