Der Schimmel

Es war Sommer, rund dreißig Grad Celsius und man hatte es einfach vergessen. Das Brot, das der Sonne ausgesetzt wurde. Es hatte sich darauf vorbereitet jetzt gleich seinen Zweck, nämlich gegessen zu werden, zu erfüllen, aber irgendwie hatte man es einfach vergessen…

Das kann aber auch passieren, wenn die Familie, bei der das Brot zuhause sein durfte, im Urlaubsstress ist. Hier fehlt das Lieblings-T-Shirt, da der DS und dann will auch noch die Karre nicht anspringen. In dem ganzen Stress konnte man es schon leicht übersehen. Unscheinbar und ruhig lag es auf der Küchentheke, bereit, aufgeschnitten und verspeist zu werden. Daraus wird für die nächste Woche wohl leider nichts.

Endlich hatten alle Familienmitglieder alles zusammengepackt und endlich wurde die Haustür zum letzten Mal zugeknallt. Jetzt heißt es eine Woche Sturmfrei! Aber was sollte man da bloß tun?

Es war einfach viel zu heiß. Der Sommer zerrte stark an den Nerven des Brotes und die hinzukommende Luftfeuchtigkeit tat ihr übriges. So kam es, dass binnen drei Tage das Brot sich verändert hatte. Vom schönen knusprigen Rand und dem fluffigen Inneren war nicht mehr viel übrig geblieben. Durch das Brot erstreckte sich nämlich eine Art Spinnennetz, feiner als es sonst irgendwo hätte vorkommen können. Die schöne dunkelbraune Kruste, die das Brot umgab war nun von einem weiß- grünlichen Pelzmantel umgeben, der das arme Brot einzuschnüren schien.

Es war der Schimmel, der sich zu dem Brot gesellte.

Der Schimmel ist zweifelsohne sowohl bei Nahrungsmitteln als auch bei den Menschen ein ungebetener Gast. Und das seit jeher. Der Schimmel begriff das nicht. Immerhin gab es ihn ja. Und was es auf dieser Welt gibt, hat ja bestimmt auch seine Berechtigung zu existieren.

Der Schimmel wollte doch nur einen Partner fürs Leben finden, an den er sich auf ewig binden könnte. Ist das eine so schlechte Absicht?

Wo er so darüber nachdachte fiel ihm auf, dass seinLebenspartner, das Brot, bereits aus dieser Welt geschieden ist. Es war tot, wie man sagen würde.

Der Schimmel war furchtbar traurig. Wo er auch hingeht, alles starb, was mit ihm in Berührung kam. Ein schweres Los hatte er gezogen. Und es war definitiv nicht einfach mit dieser Einsamkeit klarzukommen. Nicht jeder würde das aushalten.

So vermehrte sich der Schimmel immer und immer mehr bis er bald seinen ganzen ehemaligen Lebensgefährten in ein vornehmes Fell gehüllt hatte. Dies dauerte natürlich seine Zeit. Vier Tage.

Nach vier Tagen kam auch die Familie zurück, die auf den ungebetenen Hausgast natürlich mit Entsetzen reagierte. Schreie und Ekel war der Schimmel ja schon gewohnt, aber in diesem Ausmaß? Er hatte es definitiv nicht leicht im Leben. Erst stirbt ihm seine große Liebe weg und nun wird er dafür verachtet, dass er seinem liebsten ein schönes Kleid angezogen hat. Die Welt ist so undankbar…

Aber hatte er wirklich eine Existenzberechtigung? Vermutlich, aber das würde er wohl nie herausfinden, denn just in diesem Moment wurde der Schimmel in das Haus seines Partners gepackt und darin eingeschlossen! Er konnte jetzt nicht mehr fliehen.

Daraufhin wurde er in die Biotonne geworfen, deren Inhalt, samt dem Schimmel, am nächsten Tag entleert wurden. Es ging in ein unheimliches, stählernes Gefährt, dass sich von alleine bewegen konnte. So etwas hatte der Schimmel noch nie erlebt.

Seine Reise sollte doch wenige Stunden später enden, da er, zusammen mit anderen Schimmelfreunden auf einen Haufen geworfen, in einem besonders großen Krematorium – auch Müllverbrennungsanlage genannt – verbrannt und vernichtet wurde.

Niemand trauerte dem Schimmel hinterher.